Von Brisbane nach Gawler – Teil 1

Es regnete nun schon seit 120 km in Strömen – und das im australischen Sommer. Es ist der dritte Tag meiner Reise. Einen Tag zuvor wurde ich noch bei voller Fahrt von der heißen Luft gebraten. Meine Kleidung wurde schon in den ersten Sekunden, nachdem ich in das Regengebiet fuhr, komplett nass. Ich brauchte dringend eine Pause um mich aufzuwärmen. Die nächste „Rest Area“ sollte meine sein. Auf einem überdachten Steintisch stehend, beobachtete ich Emus, die den Regen wahrscheinlich seit Monaten erwartet hatten. „Ausziehen und abtrocknen“, sprach ich zu mir selbst, während ich vom Motorrad abstieg. Wenige Minuten später saß ich auf dem Tisch, eingepackt in Badehose und Fleecejacke, und zog zitternd an einer Zigarette, die ich mir mühsam angezündet hatte.

Ab und zu hörte ich einen vorbeifahrenden „Roadtrain“, mehrere Anhänger ziehende LKWs, die aber nur schwer den Lärm der auf das Dach tropfenden Regentropfen übertönen konnten. Es ist wie ein unausgesprochenes Gesetz. Hast du keine wasserfeste Kleidung dabei, wirst du in den Regen kommen. Eine Protektorenjeans, luftdurchlässige Handschuhe und feste Wanderschuhe sind zwar bestens für warme Tage geeignet, taugen aber nur bedingt im Regen.

150 km hatte ich an diesem Tag noch vor mir, dann sollte ich gegen 18 Uhr Mildura erreichen, eine kleine Stadt, 350 km nordöstlich von Adelaide. Meinen Trip von Brisbane startete ich drei Tage zuvor. Das Ziel war Gawler. Eine 3000 Seelenstadt, in der seit einigen Jahren Sandra, eine Cousine von Jule, mit ihrem Mann und ihren gemeinsamen drei Kindern lebt. Sandras 30. Geburtstag nahm ich zum Anlass, um mit meiner neu erworbenen Kawasaki KLR 650 das australische Outback zu durchqueren.

Motorrad KLR 650 mit Gepäck

Motorrad KLR 650 Australien

Die Probefahrt
Dieses Einzylinder-Motorrad hat sich schon seit 2 Jahrzehnten in Australien bewehrt. Eine Reiseenduro ohne Schnick-Schnack, einfach gebaut und bei guter Pflege über 100.000 km ohne nennenswerte Probleme nutzbar. Im Internet wurde ein Exemplar mit 66.000 km für 3.800 AUD angeboten.

Eine ausgiebige Probefahrt, die ich zusammen mit dem Besitzer unternahm, führte mich über kurvige Hügellandschaften. Zehn Jahre CBR 600F und zwei Jahre CB 500 prägten meinen Fahrstiel. Die KLR zu fahren erschien mir aber, als ob ich nie etwas anderes gemacht hätte. Ein paar Monate zuvor hatte ich in Deutschland einen Motocross Lehrgang absolviert. Ich saß auf der KLR als wäre ich auf einer Crossmaschine von Husquarna. Weit vorne am Tank, hoch gezogene Ellenbogen, Körpergewicht auf das Vorderrad verlagert und nur mit den Zehnspitzen auf den Fußrasten, genoss ich jede Kurve. Michael, der Besitzer der KLR fuhr mit einer kleineren Crossmaschine voraus und ich brauchte ihm einfach nur hinterherfahren. Auf einer längeren Gerade stellte ich mich auf die Fußrasten. Im Stehen fahrend stellte ich mir vor, wie ich mit dem Motorrad auf unbefestigten Straßen das Hinterland erforschen würde. Meinem Ziel, in Australien mit dem Motorrad fremde Orte zu erkunden, stundenlang einsam auf den Highways zu cruisen, war ich so nah wie noch nie.

Der Rückweg der Probefahrt führte uns ca. 5 km über einen mehrspurigen Motorway zurück. Zeit genug, um die Durchzugsstärke zu testen. Mit einem kleinen Drehzahlloch bei etwa 4.000 Umdrehungen drehte der Motor sauber hoch. Die Gänge ließen sich leicht durchschalten. Beim Anlassen des Motors hatte ich mich noch ein bisschen dumm angestellt, denn das Bike lässt sich nur starten, wenn der Leerlauf eingelegt und der Kupplungshebel losgelassen wurde. Ich war es gewohnt immer die Kupplung zu ziehen, egal ob ein Gang eingelegt ist oder nicht. Dieses Motorrad funktioniert genau umgekehrt.

Nach der Probefahrt schaute ich mir alle Baugruppen an. Der Zylinder war trocken, Öl- und Kühlwasserstand waren im Normbereich. Im Standbetrieb testete ich den Ventilator: Er sprang an. Michael hatte für eine Fahrt zum Ayers Rock die Enduro mit einem stabilen Unterbodenschutz ausgestattet. Außerdem waren Sturzbügel verbaut, an denen für längere Fahrten ein drittes Paar Fußrasten angebracht waren. „It´s good for long distances on the Highway“, erklärte mir Michael, nach dem ich ihn fragend angeschaut hatte. So was hatte ich bisher noch nie gesehen.

Nach zwei Runden hatten Michael und ich uns auf 3000 AUD geeinigt. Als Zimmermann baut er gerade sein Haus aus. Das Geld soll für den Vorgarten und die Verkleidung der Hausfront genutzt werden. Ein aus meiner Sicht plausibler Grund, um ein Motorrad zu verkaufen.
Nach dem ich am darauf folgenden Tag eine Gepäckrolle und Bordwerkzeug gekauft hatte, konnte es zwei Tage nach dem Kauf losgehen. Die Strecke von 2.000 km wollte ich in vier Tagesetappen bewältigen. Für den ersten Tag hatte ich mir 350 km vorgenommen. Genug um zu prüfen, ob das Motorrad auf längeren Strecken ohne Probleme fährt, aber immer noch nah genug um im schlimmsten Fall wieder zurück zu fahren oder abgeholt zu werden. Für den zweiten und dritten Tag warteten mit geplanten 500 km und 750 km zwei größere Etappen auf mich, um am letzten Tag mit nochmals 350 km entspannt in Gawler anzukommen.

Tag 1: Brisbane-Goondiwindi
Die Aufregung ließ mich nur wenige Stunden schlafen. Ich machte mir Gedanken über das Motorrad und wie ich mich wohl anstellen würde mich nun allein und ohne Hilfe durch zuschlagen. Bisher fuhr ich größere Touren immer gemeinsam mit anderen Motorradfahrern. Ich malte mir aus, welch schlimme Dinge passieren könnten und stellte mir ununterbrochen Fragen: Hatte ich alle wichtigen Werkzeuge eingepackt? Wie viele Kilometer könnte ich mit dem 24 Liter Tank fahren und würde ich rechtzeitig eine Tankstelle finden? Wie wird ein Motorradfahrer auf den australischen Straßen wahrgenommen? Was, wenn ich stürzen würde und stundenlang verletzt auf Hilfe warten müsste? Wahrscheinlich funktionieren Handys im Outback gar nicht! Und vor allem, würde ich überhaupt meine geplanten Distanzen einhalten können?

WD-40 Flasche am Motorschutzbügel

WD-40 Flasche am Motorschutzbügel

Ich wollte früh los, um nicht in der Dunkelheit fahren zu müssen. Gegen 8 Uhr war ich abfahrtbereit. Natürlich fing es kurz vorher an zu regnen. Die tief in die Gepäckrolle eingepackte Regenjacke sollte ich sicherheitshalber überziehen, auch wenn ich dann wahrscheinlich, aufgrund der Wärme, schwitzen werde. Die luftdurchlässige Motorradjacke würde sofort Wasser durchlassen. Ich holte die Jacke raus und stellte beim Anziehen fest, dass ein Teil der Jacke mit Öl verschmiert war. Es roch nach WD-40. Ich hatte das Allzweckspray ebenfalls in die Gepäckrolle gesteckt. Beim Zusammenpressen der Gepäckrolle musste sich die Kappe der Flasche gelöst haben und der Sprühkopf gedrückt worden sein. Die halbe Flasche war leer. Also erstmal das ganze Gepäck wieder runter vom Bike, und alles raus aus der Gepäckrolle. Zelt, Isomatte und Schlafsack hatten nichts abbekommen, die Gepäckrolle musste ich aber erstmal von innen reinigen. Eine Stunde später hatte ich wieder alles aufgeladen und die Ölflasche am Motorschutzbügel mit einem Gurt befestigt. Die Regenjacke konnte ich wieder in die Gepäckrolle stecken, der Himmel erstrahlte mittlerweile wieder im schönsten blau.

Größere Kartenansicht

Mittlerweile hatte sich die morgendliche Rush Hour in Brisbane eingestellt. Ich kämpfte mich durch Staus und landete auf der M5, um wenige Kilometer später die A2 Richtung Ipswich zu nehmen. Die Stadt westlich von Brisbane wurde schwer von der letzten Flut erwischt. Es war die zweitgrößte Flut seit den späten 70zigern in und um Brisbane. Zwei Wochen später waren nur noch wenige Spuren der Verwüstung zu sehen. In einigen Zäunen hingen noch leere Müllbeutel – die letzten Überreste. Weit und breit war aber kein Wasser zu sehen. Wo kam nur das Wasser her? Es müssen Massen gewesen sein! Der Blick in das Innere der Häuser blieb mir natürlich verschlossen, aber als freiwilliger Helfer bei den Aufräumarbeiten hatte ich 2 Wochen vorher das Ausmaß der Katastrophe gesehen. Der Schlamm drang tief in das Haus und in die Garage eines älteren Ehepaars ein und zerstörte buchstäblich alles. Kleidung und Haushaltsgegenstände waren mit Schlamm überzogen. Bücher, Fotos und Schränke wurden durch das Wasser aufgeweicht und waren unbrauchbar geworden. Alles wurde auf die Straße gebracht, um wenige Tage später durch Mülltransporte der Armee abgeholt zu werden.

Auch einen Ort weiter, in Toowoomba, in der eine Springflut das Leben mehrerer Menschen kostete, war fast nichts mehr von der Flut zu sehen. Es war sehr beeindruckend mit welchem Einsatz alle Menschen gemeinsam anpackten und aufräumten.

Aldi in Toowoomba

Aldi in Toowoomba

In Toowoomba hielt ich bei einem Aldi-Lebensmittelladen. Ich wollte noch meine Wasservorräte auffüllen bevor ich in das Outback fahren würde. Für die nächsten vier Tage sollten die größten Orte gerade mal 3.000 Einwohner haben. Groß genug, um das Nötigste zu bekommen, aber die Wege dazwischen mussten ohne Auffrischung der Vorräte überstanden werden. 2,5 Liter sollten für mehrere 100 km reichen.

Nach Toowoomba wurden die Straßen leerer. Nun auf der A39 wurde der Highway auf eine Spur pro Richtung eingeengt. Mit der Musik von Alterbridge in den Ohren verabschiedete ich mich vom Stadtleben, welches ich in Brisbane lieb gewonnen hatte. Viele Parks und das typische „easy going“ machten selbst eine Millionenstadt zu einem beschaulichen Ort. Nun wurden die Häuser rechts und links neben der Straße immer spärlicher und Felder bestimmten nun das weite, leicht hügelige Land.

Den kleinen Ort Millmerran durchquerend, hatte ich nun bis Goondiwindi, meinem Tagesziel, noch 140 km Buschlandschaft vor mir. Es muss um die Mittagszeit gewesen sein. Die Sonne stand in Ihrem Zenit und die Luft wurde immer wärmer. Ohne viel Verkehr und ohne Menschen zu sehen, überkam mich immer mehr das Gefühl der Einsamkeit. Ich konnte sie aber nur schwer genießen, musste ich doch häufig an meine in Brisbane gelassene Freundin denken. Ich vermisste sie. Und mehr und mehr vermisste ich meine Freunde und Familie, zurückgelassen in Deutschland. Mich überkam das Heimweh! Seit dem wir zur Weihnachtszeit nach Australien für die nächsten drei Jahre ausgesiedelt sind, haben wir jeden Tag und jede Nacht gemeinsam verbracht. Der Gedanke, dass ich Jule nun für vielleicht mehrere Wochen, getrennt von mehreren tausend Kilometer, nicht sehen würde, machte mir ein wenig zu schaffen. Nun begann der Teil meines Abenteuers in Australien, auf den ich mich seit über sechs Monaten gefreut hatte, aber es wollte sich einfach kein Gefühl der Zufriedenheit einstellen.

KLR 650 Dirt Track

Mit der KLR auf einem Dirt Track

Es wird wohl jedem Motorradfahrer so ergehen, nach einer Weile nimmt man die unterschiedlichsten Geräusche und Rückmeldungen des Motorrads wahr. Man kann sie noch nicht bestimmen und erschreckt jedes Mal, wenn etwas „Neues“ auf sich aufmerksam macht. Schon wenige Kilometer nach Brisbane hatte ich ein kleines, so genanntes „Konstant-Fahr-Ruckeln“ bei um die 100 km/h bemerkt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es nicht vielleicht Bodenwellen waren, die das Motorrad kurz unruhig werden ließen. Vielleicht war ich auch noch nicht ganz eins mit dem Motorrad. Jeder Motor reagiert schließlich anders beim Gasgeben.

Mitten im Busch wurde es stärker. Ich fuhr die erlaubten 100 km/h. Reduzierte ich die Geschwindigkeit auf 80 km/h, war das Ruckeln weg. Auch beim Beschleunigen konnte ich keine Probleme feststellen. Ich reduzierte die Geschwindigkeit auf unter 80 km/h. Die Angst fuhr mir durch die Glieder! Jetzt stehen bleiben wäre nicht das Ende, was ich mir vorgenommen hatte. Den letzten Ort hatte ich vor 100 km verlassen, der nächste würde erst in 40 km kommen. Was könnte es sein? Vielleicht einfach nur die Zündkerze? Die letzten Besitzer hatten alle Wartungsarbeiten selber vorgenommen. Vielleicht haben sie einfach nicht die Zündkerze gewechselt? Deutlich unter der erlaubten Geschwindigkeit versuchte ich den nächsten Ort und mein Tagesziel, das Örtchen Goondiwindi zu erreichen. Es fuhren nun ziemlich schnell LKWs auf mich auf. Aus Ehrfurcht fuhr ich jedes Mal links auf den Randstreifen, damit sie mich ungehindert überholen konnten. Horrorgeschichten hatte ich über die Kraftfahrer auf australischen Straßen gehört. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichte ich Goondiwindi. Ich folgte der Ausschilderung und steuerte die Information der Stadt an. Ein Ort in Australien kann noch so klein sein, eine Information, meist durch ältere Damen besetzt, ist immer anzutreffen.

Motorrad mit Zelt auf Campingplatz in Goondiwindi

Motorrad mit Zelt auf Campingplatz in Goondiwindi

Nachdem ich am Motorrad ein paar Schlucke aus meiner Wasserflasche genommen hatte, ging ich in die angenehm gekühlte Information und fragte die Dame hinter dem Schreibtisch, ob sie wüsste, wo man in diesem Ort einen Campingplatz finden würde. Die Dame zeigt mir auf einem Stadtplan drei Möglichkeiten auf denen ich mein Zelt aufschlagen könnte. Ich nutze die Gelegenheit, um nach einer Motorradwerkstatt zu fragen. Am Ortseingang hatte ich schon einige Autohändler gesehen, ein Motorradmechaniker war mir aber lieber. „Oh, there is a Kawasaki-mechanic in town“, antwortete sie mir und beschrieb mir den Weg.

Nachdem ich das Motorrad noch schnell aufgetankt hatte fand ich den Kawasaki-Händler auch schnell. Ich beschrieb ihm mein Problem. Der etwas untersetze Mann mit einem kleinen Bauch und einem großen Sonnenhut auf dem Kopf grübelte etwas und fragte mich alles Mögliche über das Motorrad. Letztendlich stellte er fest, dass das Problem überall sein könne und er es am nächsten Morgen einmal genauer kontrollieren könne. Zustimmend nickte er, als ich fragte ob es denn auch die Zündkerze sein könnte. „Could be.“, sagte er und fügte hinzu, dass er Sie auch wechseln könne. „Oh, I can do it.“, antwortete ich. Auf dem Campingplatz könnte ich eine neue Zündkerze einbauen. Am nächsten Morgen würde ich ja dann sehen, ob das Problem behoben ist. Gesagt, getan, ich kaufte eine neue Zündkerze. Der Händler empfahl mir eine Kerze für höhere Temperaturen.

Nachdem ich auf einem Campingplatz, etwas außerhalb vom Ort, mein Zelt aufgeschlagen hatte, baute ich den Tank ab um an die Zündkerze zu kommen. Verdammt, hätte ich doch mit dem Tanken noch gewartet, 24 Liter Benzin wiegen schon etwas. Die Elektrode der Zündkerze war weiß. Das weist auf hohe Verbrennungstemperaturen, eventuell verursacht durch ein zu mageres Gemisch, hin. Das war die Ursache für das Stottern. Vielleicht würde die neue Zündkerze mit einer höheren Verbrennungstemperatur schon ausreichen um das Problem zu beheben.

Reparaturarbeiten an der KLR 650

Reparaturarbeiten an der KLR 650

Zündkerze im Dunkeln ausbauen

Zündkerze im Dunkeln ausbauen

Auf einem BBQ erwärmte ich mir noch eine Dose Kartoffelsuppe, nahm anschließend eine Dusche, um schließlich müde auf die Isomatte in meinem Zelt zu fallen. Ich war zuversichtlich, dass das Motorrad am nächsten Tag ohne Probleme laufen würde. Nach einem Telefonat mit Jule blickte ich noch ein paar Minuten, durch das Mückennetz meines Zeltes, auf den sternenklaren Himmel und schlief dann schnell ein.

weiter mit Teil 2

3 Responses to “Von Brisbane nach Gawler – Teil 1”

  1. Robert sagt:

    Hej David,

    echt gute Schreibe. War zwischendurch richtig spannend. Ich dachte, jetzt passiert bestimmt gleich was. Mehr davon.

    Viele Grüße aus dem kalten aber trockenen Berlin
    Robert

  2. David sagt:

    Ich habe im Text noch eine GoogleMaps Karte eingebettet. Sie zeigt die Route vom ersten Tag.

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