Brisbane – Gawler Teil 2 – Ride the Red Donkey

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Tag 2

Der Wecker meines Handys klingelte um 5 Uhr. Einige Minuten vorher aufgewacht, beobachtete ich den Sonnenaufgang. Die Sonne ging hinter ein paar großen Bäumen am Ende des Campingplatzes auf. In wenigen Minuten wechselte die Farbe des Himmels von einem dunklen Lila in ein helles Blau. In Australien geht die Sonne auf Grund der Nähe zum Äquator sehr schnell auf und unter.

Pause in Naarabri

Pause in Naarabri

Der Weckton erinnerte mich daran, dass ich früh aufbrechen wollte. Für den zweiten Tag meiner Motorradtour von Brisbane nach Galwer hatte ich mir 500 km vorgenommen. Am Vortag brauchte ich für 350 km ungefähr sechs Stunden. Gut die Hälfte der Strecke fuhr ich aber durch dicht besiedelte Gebiete. Das würde sich heute ändern, denn mittlerweile war ich schon tief im australischen Hinterland.

Ich kroch aus meinem Zelt, packte Isomatte und Schlafsack zusammen, und kochte Wasser für meinen Morgenkaffee. Während das Wasser heißer wurde, baute ich das Zelt zusammen und verstaute meine Sachen auf dem Motorrad. Die Sonne stand nun schon sehr hoch und ich schwitzte bereits. Es wurde immer schwieriger einen schattigen Platz zu finden. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es erst sechs Uhr war, und so wurde ich mir wieder über die Extreme dieses Landes bewusst. Zwei Scheiben Brot, ein paar Bisse von der Dosenwurst und Kaffee aus meiner blauen Emaille-Tasse stillten meinen ersten Hunger des Tages.

Ich verließ gegen sieben Uhr Goondiwindi Richtung Süden auf der A39. Die auch unter dem Namen „Newell Highway“ bekannte Straße sollte ich heute nicht mehr verlassen. Der Highway verbindet die Städte Goondiwindi und Tocumwal auf einer Strecke von 1063 Kilometern. Ein eigener Internetauftritt zeigt die Bedeutung dieser Straße für die Region. Anliegende Gemeinden haben eine gemeinsame Broschüre und die Web-Seite www.newellhighway.org.au/ erstellt und werben mit Ihren Sehenswürdigkeiten um Touristen. Entlang der Strecke kann man unter anderem eine Sternwarte und das Riesenteleskop „The Dish“ bestaunen. Mein heutiges Tagesziel war die Stadt Dubbo. Herberge des „Taronga Western Plains Zoo“, ein 300 Hektar großes Freigehege. Den letzten Kreisverkehr in Goondiwindi verlassend, begrüßte mich der Fahrer eines entgegenkommenden Autos. Ich konnte sein „G’day mate!“, förmlich hören. Rosarote Papageien, eben noch auf der Straße sitzend, flogen einige Meter vor mir in die schützenden Bäume.

Ein paar Kurven später präsentierte sich mir der Highway in einer geraden Linie, wie es kein Architekt hätte besser zeichnen können. Bis zum Horizont konnte ich die Straße sehen. Keine Kurve, keine Anhöhe oder Senke störten den freien Blick auf den kilometerlangen Asphalt. Das Land um mich herum war bretteben. Schaute ich nach links konnte ich in der Ferne die Silhouette eines Gebirges sehen. Es waren Ausläufer der „Great Dividing Range“, ein Gebirgszug, der sich vom Norden bis nach Süden von Australien erstreckt. Die ebenfalls links von mir aufgehende Sonne warf einen zunehmend kleiner werdenden Schatten rechts neben mir, so dass ich mich auf meinem Motorrad beobachten konnte.

Während ich meinen Schatten sah, durchströmte mich eine Welle des Glückes und der Zufriedenheit. Der kühle Fahrtwind schien meine Ängste, meine Befürchtungen und mein Heimweh des Vortages weggeblasen zu haben. Ich legte meine Füße auf die weit vorne am Motorrad angebrachten „Highway-Pegs“ und lehnte mich mit dem Rücken an mein Gepäck. Entspannt glitt ich den Highway entlang.

Die Vegetation veränderte sich zunehmend. Versperrten am Tag zuvor noch Bäume und dicke Sträucher den Blick auf das Umland wuchsen hier nur noch vereinzelt Bäume.  Weite Gebiete waren mit Gras überzogen und wechselten sich mit bewirtschafteten Flächen ab.

Mit Tempo 90 fuhr ich die 150 km bis nach Moree. Die eigentlich als Tankstop geplante Station durchquerte ich ohne Pause. Keine 100 Kilometer weiter gab es den nächsten Ort mit einer Tankstelle. Dieser Morgen war so traumhaft, so fantastisch, ich wollte Ihn nicht zerstören. Der Sprit würde noch reichen, lag der Verbrauch gerade mal bei knapp unter 5 Liter auf 100 km. Mit dem 24 Liter fassenden Tank brauchte ich mir also darüber keinen Kopf zu machen. Ich wählte den Musiktitel „Breath“ von „Alterbridge“ in meinem MP3-Player, freute mich auf die nächste Stunde auf meinem Motorrad und verließ Moree ohne einen Zwischenhalt.

Mittlerweile fuhren immer mehr Road Trains auf dem Highway. Inzwischen waren 110 km/h als Höchstgeschwindigkeit angegeben. Mit meinen rund 90 km/h wurde ich zum rollenden Hindernis. Wenn ich konnte, fuhr ich auf den Standstreifen, um den Trucks Platz zu machen. Durch abwechselndes Rechts-Links-Blinken bedankten sich die meistens Fahrer. „No worrys mate“, sprach ich jedes Mal laut unter meinem Helm. Ein paar Mal wurde es aber kritisch. So ein Truck benötigte schon einige Meter um mich zu überholen. Zwar drosselte ich jedes Mal die Geschwindigkeit, aber noch während des Überholvorgangs erreichte ich Streckenabschnitte auf dem Seitenstreifen, die ich vor dem Überholen nicht einsehen konnte. Aufgerissener oder schmaler werdender Asphalt machten die Überholmanöver für mich gefährlich. Ich beschloss das Tempo zu erhöhen, um mit dem Verkehr mitzufahren. Ich beschleunigte auf 110km/h. Das Motorrad fuhr sich klasse. Kein Schlingern oder sonstiges unruhiges Fahrverhalten machte sich bemerkbar. Auch das am Vortag noch stark auftretende „Konstant-Fahr-Ruckeln“ blieb aus. Sollte das Wechseln der Zündkerze etwa schon ausgereicht haben? Es schien so. Nun nicht mehr von Road Trains gejagt, konnte ich deutlich entspannter fahren. Ich erreichte, keine 60 Minuten nach Verlassen des Ortes Moree, die Stadt Naarabri.

Ich tankte das Motorrad auf und suchte mir ein schattiges Plätzchen, um meinen Hunger durch ein zweites Frühstück zu stillen. In einem Park fand ich einen Tisch mit zwei Bänken unter einem großen Eukalyptusbaum. Ich ergänzte meine Mahlzeit, die wieder aus Dosenwurst und einer Scheibe Brod bestand, um einen Früchteriegel. Es war nun schon deutlich wärmer. Die Uhr zeigte zwar gerade mal 10 Uhr an, aber es mussten schon so um die 27 °C gewesen sein. Ich erinnerte mich an die Worte unseres Nachbarn in Brisbane. Mit seinem schottischen Akzent sagte er uns mehrmals, dass wir viel Flüssigkeit zu uns nehmen sollen. „Drink as much as you can!“, sagte er und erklärte, dass die Gefahr der Dehydrierung in Australien permanent besteht. Durch das Schwitzen verliere man viel Wasser. Ein Flüssigkeitsmangel würde sich aber erst Tage später durch Kopfschmerzen und Durchfall bemerkbar machen.  Ich nahm mir seine Worte zu Herzen und trank gleich mal eine 750 ml Flasche leer.

Die Bank, auf der ich saß, war gute 10 Meter von einem größeren Parkplatz entfernt. Ein Mann parkte sein in die Jahre gekommenes Auto mit der Motorhaube in meine Richtung zeigend und schaute mich an. Er stieg etwas bequemlich aus dem roten Kombi, schloss es ab und ging auf mich zu. Sein Lächeln verriet mir, dass er ein kleines Pläuschchen halten möchte.  Mit dem typischen „How you going, mate?“, eröffnete er das Gespräch. Ich schätzte ihn auf Mitte 50. Seine Kleidung wurde durch das knallrote, mit einigen Flecken gemusterte T-Shirt bestimmt. Eine kurze Hose und feste, knöchelhohe Arbeiterschuhe komplettierten seinen ebenfalls für Australien nicht ungewöhnlichen Kleidungsstiel. „Not too bad“, erwiderte ich. „It´s gonna be a warm day, right?“, fügte ich, ohne eine Antwort zu erwarten, hinzu. Ich erzählte ihm woher ich kam, vom Kauf meines Motorrads und von dem gestrigen auftretenden Problem. Wie viel ich denn für meine Zündkerze bezahlt hätte, fragte er mich. Als ich ihm den Preis von 25 Dollar nannte schreckte er zurück. Für den Preis würde er alle 4 Zündkerzen für sein Auto bekommen. Zustimmend nickte ich und wir teilten die Auffassung, dass ein Motorrad wohl grundsätzlich teurer im Unterhalt ist als ein Auto. Abschließend wünschte er mir eine gute Fahrt und ging in die Richtung eines Einkaufszentrums. Gestärkt setzte ich mich auf mein Motorrad und verließ Naarabri. 250 km hatte ich nun bereits hinter mir gelassen. Ungefähr die Hälfte meiner geplanten Tagesstrecke.

Es wurde nun zunehmend wärmer. Die Temperaturen stiegen zum Mittag immer schneller und selbst bei voller Fahrt fing ich an zu schwitzen. Die Vegetation wechselte wieder in eine Buschlandschaft. Sie war der Strecke vom Vortag, bei der mein Problem mit der Zündkerze auftrat, sehr ähnlich. Genau in diesem Moment stotterte das Motorrad wieder. Ich zuckte zusammen. „Das ist jetzt nicht wahr!”, fluchte ich. Ist die neue Zündkerze nun auch kaputt? Ich rechnete schnell aus, wie lange ich seit dem letzten Wechsel gefahren bin: 300 km. Sollte ich jetzt etwa alle 300 km die Zündkerze auswechseln müssen? Bei noch verbleibenden ca. 1400 km bis Gawler, wäre das schon fast eine Vollzeitbeschäftigung. Allein heute müsste ich die Kerze dann noch zweimal austauschen. „Nein, dass kann es ja nicht sein. Aber was mache ich jetzt?“, überlegte ich. Den nächsten Ort würde ich erst in 50 Kilometern erreichen. Sollte ich dort vielleicht eine Werkstatt aufsuchen und das Motorrad gründlich kontrollieren lassen? In meinem Kopf ging ich alle möglichen Ursachen noch mal durch: Luftfilter, Tank, Benzinpumpe, alles Dinge, die, wenn sie Probleme machen, nicht über Nacht besser werden würden. Es musste irgendwas mit der Zündkerze und der Temperatur zu tun haben. Also doch der Vergaser! Das Benzin-Luft-Gemisch scheint für diese Temperatur nicht optimal zu sein. Wie konnte ich jetzt aber das Gemisch ändern? Den Vergaser auszubauen und selber umzustellen hielt ich in diesem Moment für nicht machbar. Einen Vergaser hatte ich noch nie auseinander genommen, ich könnte alles noch viel schlimmer machen. Was könnte ich sonst noch tun? – Der Choke! Mit ihm verändert man das Benzin-Luft-Gemisch um das Starten eines Vergasermotors zu erleichtern. Ich zog an dem Hebel. Der Motor bremste für einen Bruchteil einer Sekunde, als ob er nun komplett ausgehen würde um dann normal weiter zu laufen. „Das war der Choke! Der Motor hat nun ein anderes Gemisch”, wusste ich und beschleunigte auf 110km/h.  Ich lauschte und ging in mich um jedes kleinste Ruckeln wahrzunehmen. Der Motor „lief rund“, als ob nichts gewesen war. Das Motorrad fuhr ohne irgendwelches Ruckeln, Zucken oder Stottern weiter. Das war es dann wohl. Das Gemisch schien durch den gezogenen Choke nun besser abgestimmt zu sein. Ich fuhr ein paar Kilometer und gab mich damit zufrieden, dass ich bei höheren Geschwindigkeiten nun immer in diesem Zustand fahren müsste. Irgendwann, wenn ich mal mehr Zeit hätte, könnte ich ja bei einer Werkstatt vorbei fahren und den Vergaser kontrollieren lassen.

„Verdammter Esel!“, dachte ich. Mir viel in diesem Moment ein, dass das Motorrad noch dringend einen Namen brauchte. „Red Donkey passt perfekt zu dir, was?“, sprach ich zum Motorrad. Wie ein Reiter sein Pferd nach dem Galopp belohnt, klopfte ich mit meiner flachen Hand an den Tank des Motorrads; die Namensgebung war vollendet. Eine kleine Sache war da aber noch: Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob durch den gezogenen Choke die Spritmenge erhöht oder die Luftzufuhr reduziert wurde. Es könnte also sein, dass ich nun mehr Treibstoff verbrauchen würde. Vielleicht doppelt soviel?

Gegen 12 Uhr erreichte ich den nächsten Ort, die Stadt Coonabarabran.  „Was haben die denn eigentlich mit ihren Ortsnamen?“, fragte ich mich am Ortseingang. Je weiter ich in das Landesinnere fuhr, desto unaussprechlicher wurden sie. Viele Orte haben die Bezeichnungen der Ureinwohner erhalten. Gute 100 Kilometer bin ich seit dem letzten Tankstopp gefahren. Eine ideale Distanz um den Verbrauch festzustellen. 5,2 Liter, flossen in den Tank, dann war Schluss. Mehr passten nicht rein. Der Verbrauch war nur minimal angestiegen, eventuell begründet durch die höhere Geschwindigkeit. Bisher hatte ich den Verbrauch bei 90 km/h gemessen. Die letzten 200 Kilometer fuhr ich aber im Durchschnitt 20 km/h schneller.

Später informierte ich mich über die genaue Funktionsweise eines Vergasers. Die Luftzufuhr wird durch eine Drosselklappe reduziert. Der Verbrauch blieb also gleich. Im schlimmsten Fall hat man eine geringere Motorleistung.

Erhöht hatte sich aber mein persönlicher Wasserverbrauch. Ich trank einen Liter Wasser. Selbst im Schatten wurde es nun unerträglich heiß. Das warme Wasser aus meinen Flaschen machte nun selbst das Trinken zu einer Qual. Das Motorrad in der Sonne stehen sehend, wollte ich es in den Schatten schieben. Ich fasste die Sitzbank an und ließ sie mit einem kleinen Schrei sofort wieder los. Die schwarze Sitzbank heizte sich so sehr auf, dass ich sie nicht mehr anfassen konnte. Auch die Reifen konnte man kaum berühren. Alles war einfach nur heiß. Ich sah in dieser Situation nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich würde mich in einen klimatisierten Raum setzen oder weiterfahren.

Ich entschied mich für letzteres. Ich hatte für heute nur noch 170 km vor mir. Ich könnte Dubbo schon nachmittags erreichen, um dann vielleicht in einem Pool eines Campingplatzes zu liegen. Musik an, und weiter ging es!

Die Sonne brannte ohne Erbarmen. Der Fahrtwind hatte nichts mehr gemein mit der noch am Morgen so angenehm wohltuenden Brise. Es war als ob man in einer Sauna sitzt. Windböen von links und rechts fühlten sich wie Aufgüsse an. Die nervigen Kopfhörer hatte ich mittlerweile aus meinen Ohren gezogen. Die Musik war eh schon aus. Völlig erschöpft erreichte ich das kleine Nest Gilgandra. Ich brauchte dringend eine Pause. Da kam mir die kleine Touristeninformation mit anliegendem Rastplatz gerade recht. Unter einem Sonnendach suchte ich Schutz vor der Sonne. Ich setzte mich auf eine Holzbank, trank Wasser und aß einen Früchteriegel. Genau das Richtige!

Die Luft im Schatten war etwas kühler als auf der Fahrbahn. Ich erholte mich langsam wieder. Mit der Erholung konnte ich wieder klare Gedanken fassen.

Sonnenbrand am Hals durch aufgehende Sonne

Sonnenbrand am Hals durch aufgehende Sonne

Die Hitze erinnerte mich an eine dreiwöchige Motorradtour durch Italien. Damals fuhren wir mit drei Motorrädern vom Gardasee kommend durch die Po-Ebene nach Monza. In Lederkombi auf meiner Honda CBR 600F fahrend, hatte ich die Jacke ausgezogen. Es war so heiß, dass der Asphalt den Unterarm bis zur Schmerzgrenze aufheizte. Auch damals brauchten wir dringend eine Pause, fanden aber nur einen kleinen Baum, unter dem wir zu fünft versuchten einen schattigen Platz zu ergattern. Kaum Getränke dabei, teilten wir uns einen halben Liter Wasser. Diesmal hatte ich zwar genug Flüssigkeit bei mir, aber gerne hätte ich jetzt den einen oder anderen Liter gegen einen meiner Gefährten eingetauscht. Viele Motorradtouren hatte ich in den vergangen Jahren unternommen. Zu viert nach Ungarn, zu dritt nach Frankreich, zu fünft nach Italien, zu viert nach Norwegen und nach Kroatien. Die Begleiter wechselten im Laufe der Jahre. Immer dabei: Jule. Jeder hatte seine unverwechselbare Persönlichkeit. Und jeder meiner Freunde würzte durch seine Individualität unsere Motorradtouren. Diesmal war es anders. Ich gewöhnte mich zwar nun allmählich daran alleine zu Reisen, aber wie gerne würde ich jetzt mit Martin eine Zigarette rauchen, mit Micha einen Kaffee kochen, mit Andi über die Kosten der vergangenen Campingplätze streiten oder mit Matze darüber diskutieren wie viele Kilometer wir heute noch theoretisch abspulen könnten.

Ich überlegte tatsächlich, ob heute nicht noch ein paar Kilometer mehr als geplant möglich wären. Es war früher Nachmittag und ich hatte nur noch 70 Kilometer vor mir. Für den nächsten Tag hatte ich mir 750 km vorgenommen – eine ziemlich lange Distanz.

Ich rief Jule an um ihr kurz mitzuteilen, dass bei mir alles in Ordnung ist. Sie erzählte mir, dass auf meiner Route für morgen ein Unwetter angekündigt wurde und empfahl heute noch ein paar Kilometer mehr zu fahren. Ich war mir nicht ganz sicher. In Dubbo gab es mehrere Campingplätze, die Orte danach hätten vielleicht keine Unterkunft für mich.

Nach einem kurzen Gespräch mit zwei Damen der örtlichen Touristeninformation, beschloss ich erstmal nach Dubbo zu fahren und dann zu entscheiden, ob ich weiterfahren würde oder nicht. Die beiden Damen deckten mich mit Broschüren über die nächsten Ortschaften entlang meiner Route ein – als ob ich nicht schon genug Gepäck dabei hätte. Vom Unwetter hätten sie auch gehört. Allerdings könne man nie genau sagen, in welchem Ausmaß es an welcher Stelle ankommen würde. Es könnten starke Winde aufkommen, aber vielleicht auch nur ein paar Schauer. Dankend nahm ich noch ein Glas gekühltes Wasser an um mich dann auf den Weg zu machen.

Dubbo zeigte mir gleich, dass sie den Anspruch einer größeren Stadt hat. Mit mehr als 30.000 Einwohner durfte sie dass in dieser Gegend auch ohne Zweifel behaupten. Ich fuhr an kleinen Parkanlagen und an einem größeren Einkaufszentrum vorbei. Im Gegensatz zu den kleinen Orten, die ich an diesem Tag durchquert hatte, war Dubbo die reinste Metropole. Ich konnte mir nicht richtig vorstellen hier ein beschauliches Plätzchen für mich und mein Zelt zu finden. Nach einem Blick auf die Uhr beschloss ich weiter zu fahren. Peak Hill und Parkes waren nur 50 km und 120 km entfernt.

Die Straße zum Campingplatz führte mich einen Berg hinauf, genau wie es mir der Besitzer des Caravanparks am Ortseingang von Parks beschrieben hatte. Bei ihm könne man leider nicht Zelten, aber er wüsste wo man in dieser Stadt die Nacht gut verbringen kann. Ich legte gerade meine nötigsten Dinge in mein eben aufgebautes Zelt, als mich ein Mann, er muss so in den Siebzigern gewesen sein, ansprach: „Wo kommst du her?“, fragte er mich auf Englisch. „Ursprünglich aus Deutschland, aber ich lebe derzeit in Brisbane, von wo ich meine Reise gestern gestartet hatte“, antwortete ich. „Und von wo bist du heute losgefahren?“ „Goondiwindi!“ „Goondiwindi? Mann, dass ist ne weite Strecke!“ Ich nickte, denn tatsächlich hatte ich an diesem Tag über 650 km hinter mir gelassen.

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Der Mann erzählte mir, dass er und seine Frau seit 10 Jahren mit einem Wohnanhänger quer durch Australien reisen. Sie bleiben für eine Weile an einem Ort, um dann der Jahreszeit angepasst weiter zureisen. Sie hatten ihr Haus vor Jahren verkauft. Nun führten beide eine Art Nomadenleben. Allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Ich hatte von solchen Menschen schon gehört. Viele Australier kennen ihr eigenes Land fast gar nicht, und selten haben Sie ihre Stadt verlassen. Gerade die älteren Menschen hatten nie eine Urlaubsreise gemacht. Aber als Rentner schien Ihre Zeit gekommen zu sein. Sie verkaufen Haus und Hof, um dann über Jahre das eigene Land zu erkunden. Mein Gesprächspartner offenbarte mir, dass er noch nie außerhalb von Australien war und es wahrscheinlich auch nie sein wird. Schließlich sei sein Heimatland „verdammt“ groß. Er erzählte mir von ein paar Pubs in der Stadt, in denen ich ein gutes Bier trinken könne. Als ich mich für den Tipp bedanke, aber hinzufügte, dass ich sehr müde sei und wahrscheinlich bald schlafen gehen werde, lachte er nur und sagte: „Kein Wunder, du bist heute aus Goondiwindi gekommen.“

Nach einer erfrischenden Dusche und einer warmen Mahlzeit setzte ich mich auf meinen Campingstuhl und genoss den aufkommenden Wind. Auf den Bäumen um mich herum raschelte es. Es war aber nicht der Wind allein, der die Geräusche verursachte. Die Bewegungen der Baumkronen waren ungleich stärker. Ganze Äste wippten auf und ab. Es kreischte in einigen Bäumen. Mit meiner Taschenlampe leuchte ich in den Baum über mir. Ich konnte nichts entdecken. Die Geräusche wurden immer stärker, so dass ich nochmals versuchte was zu erkennen. Da schaute mich, zwischen Blättern versteckt, ein Augenpaar an. Ein Possum wurde wohl gerade munter. Diese nachtaktiven Beuteltiere leben tagsüber vor allem in und auf Bäumen, um in der Dunkelheit der Nacht auf Nahrungssuche zu gehen. Etwas später, beobachtete ich zwei weitere Possums, die von einem anderen Baum runterkletterten. Ich lag bereits auf meiner Isomatte und konnte den zwei Meter entfernten Baumstamm aus meinem Zelt sehen. „Wehe ihr macht euch an meinem Zelt zu schaffen!“, drohte ich beiden. Ich hatte erwartet, dass sie wegrennen würden. Nicht wegen des Inhaltes meiner Drohung, vielmehr vor der Stimme eines Menschen. Aber die beiden ließen sich überhaupt nicht stören! Sie stellten sich ab und zu mal auf Ihre Hinterpfoten, schauten herum, ein paar mal auch zu mir, um dann weiter im Gras nach fressbarem zu suchen. Nun gut, ich konnte keine Wache schieben und musste den Tierchen vertrauen, dass sie mich in Ruhe schlafen lassen würden.

Kusus auf Campingplatz in Parkes

Kusus (eine Possum-Art) auf Campingplatz in Parkes

Aus meinem geplanten Telefonat mit Jule wurde leider nichts. Der Akku meines Handys war leer und das Ladegerät hatte seinen Geist aufgegeben. Einen Wecker für den nächsten Tag konnte ich mir also auch nicht stellen. „Ich würde bestimmt schon rechtzeitig wach werden“, dachte ich mir und schloss die Augen. Mit den Gedanken eines aufregenden, aber glücklichen Tages auf meinem Motorrad und der Ungewissheit, ob meine Nachbarn mich wohl in Ruhe lassen würden, ließ ich mich vom angenehm kühlenden Wind in die Welt der Träume entführen.

 

Weiter mit Teil 3

5 Responses to “Brisbane – Gawler Teil 2 – Ride the Red Donkey”

  1. Juanes sagt:

    Sonnenaufgang in Australien stell ich mir tierisch schön vor, mit großer, orangener Sonne,… Du hast nicht zufällig Fotos davon? Viele australische Ortsnamen sind in der Tat sehr unaussprechlich, stammen halt noch alle von der Ureinwohnersprache ab und nicht vom Englischen. Man denke nur an die neue Arznei “Umkcaloabo” ;)

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