Great Alpine Road – Eine Rundreise Teil 2

Ich öffnete die Augen, schaute aus dem Bett meines Motelzimmers und wurde von einem blauen Himmel angestrahlt. Mein Motorrad stand in der Nacht auf dem bewachten Parkplatz des Motels, dennoch hatte ich das ganze Gepäck mit auf mein Zimmer genommen. So drängelte ich mich nach einem Frühstück mit meiner Gepäckrolle, meinem Rucksack und meinem Topcase durch die schmalen Motelgänge, die gerade von Kindern als Spielplatz genutzt wurden, nach unten.

Ich verließ Melbourne auf dem Princes Freeway in Richtung Osten. Der Himmel zog immer mehr zu und die Temperaturen sanken – es sah nach Regen aus. Dick eingepackt saß ich auf meinem Motorrad, hörte Musik und hatte wieder einmal Zeit zum Nachdenken. Es ist interessant welche Wege Gedanken gehen können, wenn man Ihnen Zeit und Raum zum Entwickeln gibt. Irgendwann sah ich meine ehemaligen Kollegen aus Berlin vor meinem geistigen Auge. Ich machte mir den Spaß mit jedem von Ihnen die Vergangenheit bei meinem letzten Arbeitgeber in Erinnerung zu rufen um sie gemeinsam noch einmal zu erleben. Es war eine wundervolle und aufregende Zeit.

Ehe ich mich versah war ich in Bairnsdale gelandet. Die letzten 300 km vergingen wie im Flug. Ich steuerte die nächste Tankstelle an. Nach dem Betanken ging ich einmal um das Motorrad und machte meinen obligatorischen Quick-Check. Ein prüfender Blick auf die Reifen – der Hinterreifen baute ab, sah aber noch gut aus. Das Profil des Vorderreifens bildete langsam Haifischzähne, während das Wackeln im Lenker seit einigen Tagen verschwunden war. Der Kühlwasserstand sah sehr gut aus. Der Ölstand? Hui, da fehlte aber einiges. Am Morgen war der Stand noch über dem Maximum-Pegel. Nun war er in der Mitte zwischen Maximum und Minimum. Erschreckend stellte ich fest – am Kupplungsgehäuse lief Öl herunter! Bei genauerer Besichtung entdeckte ich auch einen Ölfilm an der Wasserpumpe. Hitze durchzog schlagartig meinen Körper. Verabschiedet sich hier gerade eine Dichtung? Wie sieht der Zylinder aus? Die Kopfdichtung war trocken. Auch die Ventildeckeldichtung sah nicht schlecht aus. Vielleicht einfach nur die Dichtung des Kupplungsgehäuses? Ich füllte erstmal den Ölstand auf. Es war das erste Mal seit rund 3500 km, dass ich Öl nachkippen musste. Ich beruhigte mich mit der Tatsache, dass die Zylinderkopfdichtung wahrscheinlich nicht kaputt war und der Motor kein ungewöhnliches Verhalten zeigte. Vielleicht war ich einfach zu schnell unterwegs? Ich sollte aber trotzdem einen Mechaniker aufsuchen. Ich setzte mich auf das Motorrad und steuerte die örtliche Touristeninformation an.

Mit den Worten: „We don’t have a mechanic for bikes“, zerschlug man mir sofort alle Hoffnungen das Problem zeitnah in Angriff zu nehmen. Ich solle es in Johnsonville probieren. Dort sei eine Tankstelle, dessen Besitzer alles Mögliche repariert, auch die Motorräder der örtlichen Bewohner. Da Johnsville auf meinem Weg lag, nahm ich den Vorschlag an und fuhr weiter. Außer der besagten Tankstelle gab es neben einem Kiosk nicht viel mehr, so dass ich den Mechaniker schnell ausmachen konnte. Ein Mann in blauem Kittel, grauen, kurzen Haaren und Lesebrille kam mir entgegen. Nicht sicher, ob er der besagte Mechaniker sei, fragte ich: „I’m looking for a mechanic“. Als der Mann mich nach meinem Problem fragte, zeigte ich ihm die verölten Stellen an meinem Motorrad. Er schaute und hörte sich meine Problembeschreibung an. Nach ein paar Sekunden erklärte er mir, dass der Ölverlust nicht vom austretenden Öl kommen würde. Dazu sei zuwenig Öl zu sehen. Auf Grund der hohen Kilometer zahl kann das einfach irgendwo eine Dichtung sein die bei höherer Last etwas Öl durchlässt. Um die Austrittsstelle des Öls festzustellen müsse man aber den Motor teilweise auseinander nehmen. Das wäre eine größere Sache und sollte von einer Fachwerkstatt gemacht werden. Am besten im Zuge einer größeren Durchsicht, bei der sowieso die Teile ausbauen müsste. Ich fragte ihn, ob ich denn damit die „Great Alpine Road“ befahren könnte um dann zurück nach Adelaide zu fahren. „Oh that should be alright“, beruhigte er mich. Ich solle nur regelmäßig den Ölstand kontrollieren. Eh klar. Die Nacht auf mich zukommen sehend, schlug ich im nächsten Ort mein Zelt auf.

Auf dem Campingplatz in Swan Reach kam ich mit einem Jungen ins Gespräch. Alex war 17 und wollte gerade Angeln gehen. Seine Einladung mit ihm zu kommen nahm ich gerne an. Wir versuchten unser Glück an einem nicht allzu entfernten Fluss. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Uns vereinigte die Reiselust. Alex schwärmte von der Idee mit seinem Fahrrad eine Tour durch die Berge zu machen. „Give it a go!“ ermunterte ich ihn zu diesem Vorhaben. Denn wenn ich bisher etwas durch meine Motorradreisen gelernt hatte, dann war es Vertrauen in sich und in die eigenen Ideen zu setzen. Natürlich fingen wir keinen Fisch. Aber ich war mit ein paar Bissen, die sich durch leichtes Zupfen an der Angelschnur bemerkbar machten schon mehr als zufrieden. Dann gibt es halt wieder 5-Minuten-Nudeln, sprach ich lachend zu Alex.

Am nächsten Morgen begleitete mich Alex auf seinem Fahrrad bis zum Ortsausgang. Er leitete mich auf die Straße, die mich zur „Great Alpine Road“ führen sollte. Mittlerweile geübt, verabschiedete ich mich mit einem Wheely und fuhr dem zweiten großen Ziel meiner Tour entgegen.

Die Sonne konnte das immer stärker werdende Blätterdach der Straße kaum durchdringen. Dann öffnete sich der Wald und ich spürte die Wärme der Sonnenstrahlen. Ich hoffte, dass sie mich den ganzen Tag begleiten würden, denn wie die Nächte davor frohr ich in meinem Zelt und brauchte die Tageswärme um die Kälte aus meinen Gliedern zu bekommen. Angekommen in Bruthen bog ich auf die B500, der „Great Alpine Road“, ein. Einige Kilometer später kündigte ein Straßenschild Kurven für die nächsten 40 Kilometer an. Mein Motorradherz schlug höher. So lange hatte ich keine richtigen Kurven mehr fahren können. Es war toll auf einsamen Highways für mehr oder weniger Stunden geradeaus zu fahren. Aber das besondere Gefühl ein Motorrad zu fahren macht sich erst richtig in der Schräglage bemerkbar. Wenn der Körper sich gegen die Schwerkraft lehnt und man das Gefühl hat zu schweben. Die ersten Kurven waren noch etwas verkrampft. Ich lockerte mich kurz und positionierte mich neu. Zunehmend relaxter fuhr ich die Bergstraße hinauf. Es war ein völlig anderes Fahrgefühl mit einer Reiseenduro Kurven zu fahren, als auf einem Sportmotorrad. Die hohe Sitzposition und die großen Räder mit Stollenreifen gaben mir ungewohnte Rückmeldungen. Ich musste mich erstmal daran gewöhnen die Maschine in die Kurven zu drücken. Bisher fuhr ich Kurven mit einem „hanging off“ Ansatz. Das hätte hier nicht nur albern ausgesehen, sondern würde das Reaktionsvermögen des Motorrades extrem verlangsamen. Bis ich diese großen Räder von der einen Seite zur anderen umgewuchtet hätte, würde ein eventuelles Ausweichmanöver wahrscheinlich zu meinem Ungunsten schnell beendet sein. Durch das Drücken der Maschine wirkte das Motorrad aber wie ein Spielzeug in meinen Händen.  Kurve für Kurve wurde das Vertrauen in das Motorrad besser. Ich gewöhnte mich auch immer mehr an die Einscheibenbremse, die für eine vergleichsweise langsamere Verzögerung sorgte. Doch der Straßenverlauf kam mir entgegen. Zwar gab es mehr kurvige Strecken als Geraden, jedoch waren die Kurven bei weitem nicht so eng, wie ich es von den meisten der europäischen Gebirgsstraßen kannte. Diese Kurven erinnerten mich mehr an das Hinterland der Côte d’Azur. Langgezogene Kurven, die sich ohne extremes Beschleunigen und Abbremsen fahren ließen. Je konstanter meine Geschwindigkeit war, desto schneller konnte ich durch die Kurven fahren.

Great Alpine Road

Great Alpine Road

 

Mit zunehmender Höhenlage wurde es kühler. In Omeo hielt ich kurz an, um eine zusätzliche Fleecejacke und meine Regenhose anzuziehen. Die noch beim Motorradkauf von mir belächelte Griffheizung stellte ich auf die höchste Stufe. Am Ortausgang stehend hatte ich einen wunderschönen Blick über den Ort. Als völlig fehl am Platz empfand ich die Werbeschilder mit dem Aufdruck „ski hire“. Australien ist wahrscheinlich einer der letzten Orte, die man sich als Skiregion vorstellt. Aber tatsächlich sind hier eine der größten Skiorte Australiens zu finden.

Great Alpine Road - Skiverleih in Omeo

Great Alpine Road - Skiverleih in Omeo

Ich blickte noch einmal um mich bevor ich weiterfahren wollte, da entdeckte ich dicke schwarze Wolken, die mir entgegen kamen. Auf Regen hatte ich nun wahrhaftig keine Lust. Nasse Bergstraßen würden aus meinem Vergnügen einen Alptraum machen. Zu oft quälte ich mich auf meinen verschiedenen Motorradtouren verregnete Bergpässe hoch und runter. Am liebsten möchte man dann das Motorrad durch jede Kurve tragen. Die hinzukommende Kälte lässt den Körper nur noch mehr verkrampfen, so dass man jegliches Gefühl zu seinem Zweirad verliert. Ich erinnerte mich an eine Passüberquerung, die ich mit meiner Freundin Jule und mit meinem Freund Martin auf unserer Frankreichtour nehmen musste. Von der Côte d’ Asur Richtung Norden fahrend mussten wir eine Bergkette der Alpen überqueren. Der einzige Weg führte über einen hohen Pass. Schon auf der Südseite sahen wir im Tal wie schwere Regenwolken unsere Passage einschlossen. Natürlich hofften wir, dass sich das Unwetter verzog. Doch jeder Meter, den wir auf den Berg zu fuhren, brachte uns dem Regen näher. Eine gerade Straße führte uns auf eine riesige, im Regen stehende Bergwand. Die darauf folgende Serpentinenstraße brachte uns hinauf. Für den 20 Kilometer langen Aufstieg benötigten wir eine Stunde, um dann vom Pass auf der anderen Seite weitere 30 Kilometer auf einer völlig übernässten und mit Bitumen geflickten Straße hinab zu fahren. Die Angst beim Anbremsen das Vorderrad zu verlieren oder beim Beschleunigen vom eigenen Hinterrad überholt zu werden beanspruchte uns vor allem mental so sehr , dass wir zwar langsam aber trotzdem völlig erschöpft im Tal ankamen.

Dunkle Wolken über Omeo

Dunkle Wolken über Omeo

Sollte mich hier in Australien etwas das gleiche Schicksal ereilen? Ich hatte keine große Wahl. Zu groß waren die Umwege, wenn ich eine andere Route einschlagen wollte. So stieg ich auf mein Motorrad und fuhr weiter den Berg hinauf.

Kurve für Kurve wurde es kühler. Die Vegetation bot mir ein absonderliches Bild. Alle Bäume waren kahl. Ihre grauen Stämme, Äste und Zweige wirkten wie totes Holz auf mich. Der ganze Wald sah wie abgestorben aus. Ich hatte das Gefühl, dass ein einziger Windstoß alles zusammenbrechen lassen könnte. Natürlich hielten die Bäume dem immer stärker werdenden Wind stand.

Je höher ich kam, desto näher war ich den Wolken. Auf dem Pass angekommen baute sich eine zu dieser Jahreszeit verlassende Skistation vor mir auf. Ich stellte mein Motorrad ab und schaute mir von außen das leere Kassenhaus und den Skilift an. Die Situation wirkte etwas befremdlich auf mich. Die Skistation erinnerte mich an vertraute Winterurlaube. Hier in Australien hatten sich durch meine bisherigen Erfahrungen aber ganz andere Bilder von diesem Land in meinen Kopf eingebrannt. Und dieses Panorama passte so gar nicht in mein geistiges Fotoalbum.

Skistation Hotham - Great Alpine Road

Skistation Hotham

Keine Schlange am Lift

Keine Schlange am Lift

Skistation Big D - Great Alpine Road

Skistation Big D

Mittlerweile befand ich mich in den Wolken. Das Gute daran war, dass ich mir nun ziemlich sicher sein konnte, dass es nicht regnen würde. Dagegen war die Sicht nun aber auf wenige Meter eingeschränkt. Mit deutlich verringertem Tempo fuhr ich den Pass Richtung Norden herunter und bald war ich aus der Wolkendecke wieder heraus gefahren. Die Vegetation änderte sich Höhenmeter für Höhenmeter, von dem grauen kahlen Gehölz in einen üppigen, grünen und zunehmend wärmer werdenden Wald. Die Kurvenanzahl nahm ab und das Land wurde wieder flacher.

In the cloud

In the cloud

Seit einigen Kilometern fuhr ich an einem Fluss entlang. Rechts und links von mir positionierten sich saftig, grüne Berge. Ab und zu stand ein kleines Haus am Straßenrand. Schwarze Rinder wechselten sich mit gefällten, nackten Baumstämmen ab. Der für Australien sandige, meist rote Untergrund wich schwarzer Erde und es roch nach Humos. Es fühlte sich an, als sei ich auf einer Alm in Österreich.

Ich beendete diesen fahrerisch aufregenden Tag in dem Örtchen Bright. Ich gönnte mir ein deftiges BBQ mit Kängurufleisch, Zwiebelringen, Süßkartoffel und einer leckeren BBQ- Sauce. Auch wollte ich meine Wäsche auf dem Campingplatz waschen und kaufte 4 x 125 Gramm „Laundry-Soap“. Im Glauben vier Beutel Waschpulver gekauft zu haben, stellte ich später, vor der Waschmaschine fest, dass ich 4 Stücke Kernseife gekauft hatte. Also ging es nochmal zurück zum Supermarkt.

Am nächsten Tag verließ ich die Berge. Ich passierte die Städte Myrtleford und Wangaratta, bog links auf die M31 ein und fuhr bis Benalla. Ab und zu verließ ich die Straße um ein bisschen Spaß auf einem Dirttrack zu finden. Noch immer nicht gesättigt von der Einsamkeit suchte ich auf meiner Straßenkarte nach dünnbesiedelten Gegenden. Mir viel der See „Waranga Basin“ auf. Mein Navi versprach mir dort einen Campingplatz in der Nähe von Rushworth. Berge waren mittlerweile keine mehr zu sehen und das Land war wieder bretteben. Weite Getreidefelder lagen nun rechts und links von mir und ab und zu kreuzten rollende Spinifex-Gräser die Straße. Den ganzen Tag begleitete mich der süße Duft brennender abgeernteter Felder. Einige Male sah ich die Feuer auch – mal nah, mal fern.

Spinifex

Spinifex

Brennende Felder

Brennende Felder

Die von mir gewünschte Einsamkeit fand ich am Abend wieder. Auf einem 4000 Quadratmeter großen Campingplatz war ich, abgesehen von zwei Dauercampern, der einzige Gast. Überhaupt schien mir dieser Fleck nicht für Gäste mit kurzer Verweildauer gedacht zu sein. Überall standen fest installierte Wohnwagen. Vor jedem dieser kleinen Hütten stand ein zum Grill umgebautes schwarzes Fass. Ich baute mein Zelt zwischen zwei dieser kleinen Häuser auf und hoffte, dass ich so ein wenig vor dem immer stärker werdenden kalten Wind geschützt sei.

Einsamer Campingplatz am Waranga Basin

Einsamer Campingplatz am Waranga Basin

 

Wie erwartet wurde es kalt nachdem die Sonne untergegangen war. Ich schnappte mir mein Handtuch und verschwand unter die Dusche. Ich freute mich auf das heiße Wasser bis ich einen kleinen Kasten mit einer roten LCD Anzeige zwischen den Wasserhähnen sah. Die Zahl vier zeigte mir die Dauer eines Duschvorgangs in Minuten an. Danach musste man zwei Minuten warten um wieder warmes Wasser zu haben. Das allein wäre kein Problem gewesen. Allerdings reduzierte sich die Zeit um zwei Minuten, denn so lange dauerte es bis aus der Dusche warmes Wasser kam. Nun – ich war alleine. Wer hinderte mich daran mehrere Duschen zu nutzen, fragte ich mich selbst. So hüpfte ich eine halbe Stunde von Duschkabine zu Duschkabine. Zwei Minuten bevor die eine Dusche ausging, ging ich schnell in die Nachbarkabine, stellte das Wasser an und ging wieder zurück. Sobald die erste Dusche aus ging hüpfte ich zur dritten Kabine und machte dort das Wasser an. Danach ging ich in Kabine Nummer zwei.

Der nächste Tag führte mich durch Bendigo, entlang der B240 nach Dimboola. Der an der Stadtgrenze liegende Eingang zum „Little Desert“ Nationalpark beherbergt auch einen Campingplatz, auf dem ich mich niederließ. Nachdem ich mein Lager hergerichtet hatte, musste ich erstmal meine Motorradklamotten waschen. Über eine Stunde bin ich an diesem Tag für mehr als 100 Kilometer durch Heuschreckenschwärme gefahren. Das zum Anfang ganz witzige Erlebnis wurde für mich zu einer schmerzhaften Angelegenheit. Die fliegenden Heuschrecken waren dabei gar nicht das Problem. Meist flogen Sie über mich hinweg. Diejenigen aber, die auf der Straße hockten und wenige Meter vor mir in die Luft sprangen erwischte ich mit meinem Motorrad und vor allem mit meinen Schienbeinen. Dort schützte mich nur meine Protektorenjeans, die aber nur Knieprotektoren besaß. Von weitem sah ich diese Plagegeister schon auf mich warten. Wie schwarze Schatten auf dem Asphalt sitzend wurden sie durch das herankommende Motorrad aufgeschreckt. Meist blieb nur eine gelbe, klebrige Flüssigkeit von Ihnen übrig. Einige hatten sich in meinem Motorrad verfangen. So holte ich alleine um die 40 Heuschrecken aus dem 20 x 30 cm großen Kühlergrill raus. Andere fand ich im Motorraum wieder und auch an meinem Helm klebte der eine oder andere Flügel. Für diesen Abend hatte ich meine Beschäftigung gefunden.
Pause im Heuschrenkenschwarm

Am nächsten Tag kam ich nur schwer aus meinem Zelt. Ich trödelte so lange rum, bis ein Weiterfahren keinen Sinn mehr gemacht hätte. Zwei Tage hatte ich noch Zeit um die verbliebenen 400 km zurück nach Gawler zu bewältigen. Mir gefiel der Gedanke einen Tag zu pausieren und die restliche Strecke an einem Tag zu fahren. So ging ich also zur Rezeption und verlängerte meinen Verbleib um einen Tag. Auf meine Frage, ob es hier ein paar schöne Wanderwege geben würde holte der Campingplatzangestellte, der wie ein Ranger gekleidet war, eine Karte hervor und markierte mir darauf verschiedene Routen. Die Wanderwege lagen alle in 10 Kilometer Entfernung. Ich packte das Nötigste für einen Spaziergang zusammen, schnallte meinen Rucksack auf und fuhr los. Ich musste mich zusammenreißen um nicht in Rally-Manier durch den Nationalpark zu heizen. Ohne Gepäck fühlte sich das Motorrad so viel leichter an.

Am Ausgangspunkt der Wanderwege angekommen schloss ich mein Motorrad an, tauschte meinen Helm gegen ein Basecap und suchte mir einen Ast, den ich als Wanderstock verwenden konnte. Dem Name „Little Desert“ entsprechend erwartete ich hier eine Art Dünenlandschaft. Tatsächlich fand ich mich aber in einer Savannenlandschaft wieder. Buschiges Grass auf staubtrockener Erde und Eukalyptusbäume verschiedener Größen prägten das Bild. Keine 10 Minuten nach dem Beginn meiner Wanderung stellte sich mir ein Känguru von beachtlicher Größe in den Weg. Vermutlich handelte es sich um ein graues Riesenkänguru. Ich blieb sofort stehen, schaute mich um und entdeckte noch zwei weitere. Ich holte meine Kamera aus meiner Tasche und nahm ein kleines Video auf. Aber die scheuen Tiere suchten nach ein paar Sekunden das Weite und waren nach zwei drei Sprüngen nicht mehr zu sehen. Ganz wohl fühlte ich mich dabei jedoch nicht. Ich hatte eine gehörige Portion Respekt vor diesen Beuteltieren. Einige Jahre zuvor hatte ich auf „Kangaroo Island“ erlebt wie gefährlich eine solche Begegnung sein kann. Damals hatten uns zwei kleinere Vertreter dieser Gattung beim Nudelkochen belästigt. Als sich eines der Tiere in unserem Auto befand lockte Chrissi das Känguru mit einer Chipstüte heraus. Beide Kängurus sprangen zu Chrissi um die Tüte in ihren Besitz zu nehmen und griffen ihn dabei an. Typischerweise hält ein Känguru sein Gegner mit den Vorderpfoten fest um dann mit den Hinterbeinen ihre scharfen Zehenklauen zum Einsatz zu bringen. Etwas ängstlicher wurde ich bei meiner Wanderung aber nachdem ich einen Guana auf einem Baum sah. Dieser australische Waran stellte zwar für mich keine Gefahr da, aber in diesem Moment schossen mir Bilder der giftigen Tiere Australiens durch den Kopf. Bei jedem Schritt, den ich nun tat, trat ich laut auf und verstärke meine Geräusche durch klopfen meines Wanderstocks auf dem Boden. Statt Zweigen und Ästen auszuweichen trat ich nun erst recht drauf um möglichst viel Lärm zu erzeugen. So würde ich zwar harmlose Tiere verscheuchen, aber das war mir lieber als von einer Schlange gebissen zu werden. Dabei versuchte ich den Pfad nicht zu verlassen. Auf dem sandigen aber pflanzenfreien Weg konnte ich alles gut erkennen. Aber einige umgestürzte Bäume zwangen mich zwei Mal ins Abseits und ich musste mir einen eigenen Weg suchen. Ich lief dann sehr vorsichtig durch das knöcheltiefe Unterholz. Überall vermutete ich Schlangen, die unter Blätterhäufchen und zwischen Zweigen nur schwer auszumachen sein würden. So wurde ein 20 Meter langer Umweg zu einem ungewollten Abenteuer. Nach einem Kilometer traf der Pfad auf eine Sandstraße, der wahrscheinlich von Rangern genutzt wurde.

Little Desert National Park - Graues Riesenkänguru

Little Desert National Park - Graues Riesenkänguru

Wanderung

Wildblumen im Little Desert National Park

Wildblumen im Little Desert National Park

 

Wanderung im Little Desert National Park

Mit dem Gefühl der Sicherheit, schloss ich die insgesamt 5 Kilometer große Runde ab und fuhr zurück zum Campingplatz. Ich verbrachte den restlichen Nachmittag in der Sonne sitzend neben meinem Zelt, las in einem Buch und bereitete mich auf meinen letzten Reisetag vor.

Es war wohl einer der bisher entspanntesten Reisetage. Nur selten fuhr ich schneller als 80 km/h. So kam ich 6 Stunden und 400 Kilometer später bei Sandra und Ihrer Familie nach 10 Tagen wieder gesund und munter an. Durch meine langsame Fahrweise hatte ich an diesem Tag gerade mal 4 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht. Ein bisher nicht unterbotener Rekord. Auch mein Plan, den Abrieb meines Hinterreifens zu minimieren, hatte sich erfüllt. Durch meine zügige Fahrweise in den Tagen zuvor war die Verschleißmarkierung des Reifenherstellers erreicht. Da dies bekanntlich das letzte Zeichen ist um einen Reifen zu ersetzen wollte ich mich keinem unnötigen Risiko aussetzen. Schließlich hatte ich Zeit.

Great Alpine Road:

Dirttrack Little Desert National Park:

Graues Riesenkänguru:

Gefahrende Strecke:


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2 Responses to “Great Alpine Road – Eine Rundreise Teil 2”

  1. Dirk sagt:

    Hi David,
    Bin durch Zufall auf deinen Blog gestosssen, und zwar durch ne Googlesuche nach Konstantfahrruckeln. Interessant, nicht? Hatte deswegen auch erst deinen Brisbane-Gawler Blog gelesen, Gawler und die Ecke um Mildura, Little Dessert und so kenne ich auch ein wenig… Arbeite seit etwas mehr als 2 Jahren in Melbourne, deswegen fand ich auch deine GOR und GAR (Great Ocean Road, Great Alpine Road) Berichte recht unterhaltsam, bin beide Strecken schon mehrmals gefahren, GOR kann ich fast mit verbundenen Augen fahren :) Fahre auch ne KLR650, aber etwas neueres Modell als deine, meine ist 2008, habe sie 2010 gebraucht mit nur 6000km auf der Uhr gekauft, jetzt hat sie etwa 46000 und bin mit ihr auch schon auf nem Dreimonatstrip in South Australia, Northern Territory und Western Australia unterwegs gewesen, letztes Jahr ueber Weihnachten vier Wochen Tasmanien… Queensland fehlt mir leider noch, muss mal sehen wann ich meinem Cheffe mal noch 2 Monate fuer diesen Trip aus dem Kreuz leiern kann… Vielleicht sieht man sich ja dann mal auf der Strasse :)
    Mal kurz zu diesem Artikel: deine Duschmethode hat mich sehr erheitert, habe ich doch wieder was gelernt! Zu den Schlangen: Krach machen nuetzt da nix, Schlangen haben kein Gehoer, aber extrem gute Geruchs und Temperatursinne. Mal davon abgesehen gibt es Schlangen die sich nicht verziehen sondern eine drohende Gefahr durch ruhighalten (was sie gut koennen :) und verstecken ausstehen (King Brown und Death Adder z.B.). Egal, habe schon einige Schlangenbegegnungen hinter mir und weiss daher, wie man sich im Buschland fuehlt wenn der Weg voellig zugewuchert ist :)

    Na denne, vielleicht hoert, sieht man sich mal,
    Stay upright,

    Dirk

  2. Lauren1992 sagt:

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