Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen

„Verdammt! Dani, Anne, ich brauch ein Pflaster“. Zum dritten Mal rammte ich mir die Schere mit der wir die Weintrauben von den Reben schnitten in meine linke Hand.

An meinem ersten Arbeitstag wartete ich an der vereinbarten Kreuzung zweier Sandstraßen, irgendwo in den Weinfeldern des Barossa Valley. Ich saß auf meinem Motorrad, schaute in das Tal und wartete auf Butch. Er war der Vorgesetze der Weinerntehelfer und wollte mich hier treffen. Es war halb 8 Uhr morgens und ich wartete bereits eine halbe Stunde. Dann hörte ich aus der Ferne Motorengeräusche und sah eine Staubwolke. Ein weißer Geländewagen kam auf die Kreuzung zu gefahren. Ich hatte Butch einige Wochen vorher getroffen und so erkannte ich sein Gesicht im vorbeifahrenden Auto. Er winkte mir kurz zu und gab mir zu verstehen, dass ich ihm folgen sollte.

Weinlese Barossa Valley

Weinlese Barossa Valley

Ich fuhr allerdings nicht direkt hinter ihm, denn Butch folgten geschätzte acht PKWs. Ich schaute in jedes Auto und sah überwiegend junge Leute in typischen Backpackerautos. Das müssen die andere Arbeiter sein, dachte ich zu mir. Mit meinem voll beladenen Motorrad musste ich ihnen ein lustiges Bild abgegeben haben. Ich schloss mich als letzter der Gruppe an und folgte dem Tross. Einige Minuten später hielten wir an einem Weinfeld an und jeder suchte sich einen Parkplatz. Der viele Regen in den vergangenen Wochen hatte den Boden aufgeweicht und es fiel mir schwer mein Motorrad sicher abzustellen. Ich suchte nach etwas, das ich unter den Seitenständer legen könnte. Äste, Steine, Baumrinde, alles wäre mir recht gewesen, aber ich fand nichts. Im Augenwinkel sah ich wie die Gruppe sich aus den Autos auf den Weg zum Weinfeld machte. Ich wollte nicht gleich am ersten Tag unangenehm auffallen und so legte ich kurzerhand meine Motorradhandschuhe unter den Seitenständer und das Motorrad konnte nicht mehr wegrutschen. Wir versammelten uns am Rande des Weinfelds um Butch herum. Nach einem kurzen „Good morning“ stellte er mich der Gruppe vor. Die anderen kannten sich also alle schon und ich kam mir vor wie ein Kind, das die Schule gewechselt hatte und in eine neue Klasse kommt. Nachdem sich jeder zwei Eimer und eine Schere genommen hatte zeigte mir Butch noch kurz wie man den Wein abschneidet. Ich hatte so was noch nie vorher gemacht und fragte mich schon seit einiger Zeit an welcher Stelle der Schnitt gemacht werden sollte und mit welcher Technik man die Traube anfassen müsste. Sicher würde ich ein paar Tage brauchen um eine gute Technik zu erlernen. Nach zwei Schnitten entzauberte sich meine Hochachtung vor dieser Tätigkeit. Einfach eine Rispe irgendwie mit der einen Hand greifen, mit der Schere in der anderen Hand den Stiel so nah wie möglich oberhalb der Rispe abschneiden und dann in den Eimer werfen. Das war’s. Das ganze sah nicht nur einfach aus, es war es auch.

Ute mit Dixiklo

Ute mit Dixiklo

Mittagspause bei der Weinlese

Mittagspause bei der Weinlese

Wir standen in der Regel zu dritt oder zu viert in einer Reihe. So konnte die ganze Gruppe bestehend aus 20 Personen, vier Reihen gleichzeitig abarbeiten. Hatte man eine Stelle abgeerntet, nahm man seine zwei Eimer, ging an allen vorbei und positionierte sich an erster Stelle an der nächsten mit Trauben behangenden Rebe. Sobald ein Eimer voll war rief man laut „Bucket“ um auf Englisch den „Bucketboys“ klar zu machen, dass hier ein voller Eimer abgeholt werden kann. Dieser wurde dann mit einem leeren ersetzt. So wurde sichergestellt, dass man als Erntehelfer immer Eimer zur Verfügung hat. Die vollen Eimer wurden dann in einen großen Container ausgeschüttet. Ich erntete nun zum ersten Mal in meinem Leben Wein.

Schon nach wenigen Minuten wurde ich in Gespräche verwickelt. Jeder wollte meine Geschichte hören und fragte mich nach allem Möglichen aus. So erzählte ich in den ersten zwei Stunden gefühlte 20 Mal wer ich sei, woher ich kam und was ich so machte und mache. Natürlich interessierte auch ich mich für Geschichten der anderen. Allerdings dürfte es mir schwieriger gefallen sein alles Gehörte der richtigen Person zuzuordnen. Nach einiger Zeit gab mir Julz den Tipp mich auf einen umgedrehten Eimer zu setzen um nicht ständig in gebückter Haltung zu stehen. Voller Kraft strotzend lächelte ich etwas süffisand und antwortete: „Kein Problem, das geht schon.“ Keine 60 Minuten später saß ich ihr gegenüber auf einem Eimer. Vermutlich konnte sich Julz zumindest im Inneren ein Schmunzeln nicht verkneifen. Zu recht.

Der überwiegende Teil der Erntehelfer bestand aus Backpackern. Neben vier Australiern pflückten wir acht Deutsche mit vier Franzosen, zwei Holländern und zwei Finnen. Mit den meisten lebte ich während der Ernte auf einem uns zur Verfügung gestellten privaten Campingplatz. Unser Arbeitgeber „Rockford Wines“ stellte uns Strom, Waschräume und ein BBQ bereit. Ein typischer Arbeitstag begann für mich gegen 6:30 Uhr. Dann weckte mich mein Handy mit dem Song „The Funeral“ von der Band „Band of Horses“ auf. Ich kletterte aus meinem Zelt und zog mir meine Arbeitskleidung an, die ich über Nacht auf einer Leine auslüften ließ. Meist war schon der Wasserkocher von jemandem angeschaltet. Ich goss mir dann eine Tassen mit löslichem Kaffe auf, aß ein paar Cornflakes und schmierte mir zwei drei Brote für den Tag. Zusammen mit ein paar Müsliriegeln und Lollies verstaute ich alles auf meinem Motorrad. Zum Schluss noch die Zähne geputzt und es ging los zur Arbeit.

Einige hundert Meter vom Campingplatz entfernt trafen sich alle Arbeiter um gemeinsam mit Butch zum Weinfeld zu fahren. Dann setzte sich die Kolonne in Bewegung. An der Spitze Butch mit seinem weißen Geländewagen. Es folgte, ein weißer Ute mit einem Dixiklo als Anhänger. Ab und zu fuhr Fabian mit einem Traktor, sofern wir einen brauchten. Der Rest der Mannschaft folgte in Autos. Da wir überwiegend auf Sand- und Geröllstraßen fuhren, versuchte ich immer vorne oder ganz hinten zu fahren. Wurde mir der Staub zu viel überholte ich das ein oder andere Auto. Einige fühlten sich dabei zu einem kleinen Sprintduell aufgefordert. So kam es, dass unser Finne Jukka eine Kurve etwas zu schnell anging, das Auto ins Schleudern kam und sich dabei fast überschlug. Seine Freundin Anna fand das natürlich nicht lustig und selbst Jukka konnte sich nach dieser Aktion nur schwer ein Lächeln abringen.

Am Weinfeld angekommen erklärte Butch wie immer kurz um welchen Wein es sich handelte, wer der Weinbesitzer war und was mit der Ernte passieren solle. Nach den ersten zwei bis drei Stunden gab es eine 10-minütige Raucherpause und um die Mittagszeit herum eine 30-minütige Pause. In der Regel endete die Arbeit nach 8 Stunden. Dann wollte jeder nur noch schnell weg. Auf unserem Campingplatz begann dann das Anstellen zur einzigen Dusche. 15 Personen wollten sich den Arbeitsdreck abwaschen. Das warme Wasser reichte meistens für fünf Personen. Dann hieß es entweder kalt duschen oder etwas warten bis das Wasser im 50 Liter Boiler wieder warm war.

Deutsch-Französisches-Barbeque

Deutsch-Französisches-Barbeque

Ich duschte meist als letzter. Wenn ich mir nicht vorher gerade mein Abendbrot zubereitete lag ich unter den Autos der anderen. Ich weiß nicht mehr wie es anfing, aber immer öfter fragte man mich ob ich mir mal den Motorraum anschauen konnte oder ob ich wüsste was jenes Geräusch bedeuten würde. Und tatsächlich hatten immer mehr Autos Probleme. Die meisten Fahrzeuge hatten entweder mehr als 250.000 Kilometer auf der Anzeige oder waren über 15 Jahre alt. Ich half wo ich konnte, machte einen Öl-Wechsel hier, prüfte Zündkerzen dort oder erneuerte das Kühlwasser.

Sobald ich mich geduscht hatte war es auch schon dunkel. Die Abende wurden immer kühler und jeder verkroch sich meistens gegen 19 Uhr in sein Zelt oder Auto. Ich telefoniert dann noch mit Jule oder schaute ein Film auf meinem Laptop.

Bei der Weinlese sollten wir immer häufiger auf den Zustand der Trauben achten. Auf Grund des vielen Regens in den Sommermonaten, hatten sich mittlerweile Schimmelpilze in den Reben festgesetzt. „Rockford“ produziert einen sehr hochwertigen Qualitätswein. Daher, so sagte man uns, sei es für das Unternehmen wichtig gerade in einem solchen Jahr die Güte des Weins auf einem hohen Niveau zu halten. Des Geschmackes wegen wollte man in den meisten Rotweinen diesen Pilz nicht haben. Dann reichte es schon aus, wenn mehr als 3 Trauben vom Pilz befallen waren. Es wurde alles weggeworfen. Es kam darauf an gute Trauben zu ernten und die Quantität spielte immer mehr eine untergeordnete Rolle.

Die Arbeit wurde von Woche zu Woche langweiliger. Im Prinzip machte man immer die gleichen Bewegungen. Geistige Anforderungen waren kaum gefragt. Wir vertrieben uns die Zeit mit Kinderspielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder „Ich packe meinen Koffer“. Ich schöpfte meine Kraft aus den vollen Eimern, die ich füllte. Dies wurde aber auf Grund der Weinqualität immer schwieriger. So kam es vor, dass ich nach einer Stunde noch nicht mal einen Eimer voll hatte. Im optimalen Fall hätte er nach wenigen Minuten voll sein sollen.  Für eine wirkliche Abwechslung sorgte nur ein Bienenstich und ein paar Tage Durchfall. Auf beides hätte ich aber gerne verzichtet. Ab und zu hatte ich auch mal eine giftige Red-Back-Spider in meiner Hand. Kein Scherz! Es ist interessant wie man sich an solche Tiere gewöhnt, wenn man sie jeden Tag sieht. Selbst an die für Menschen gefährlichen Tiere. Und eigentlich sind diese Krabbelviecher auch relativ harmlos. Sie leben in Ihrer eigenen kleinen Welt und sind selten in Angriffslaune.

Unser genialer Gitarrist Imko

Unser genialer Gitarrist Imko

Als erstes verabschiedeten sich Fabian und Julz von uns. Sie hatten nur noch wenige Wochen in Australien und wollten noch ein paar Orte besichtigen. Als sich Anne, Dani, Nora und Sandro ebenfalls entschlossen ihre Reise fortzusetzen spielte auch ich mit dem Gedanken die Weintrauben Weintrauben sein zulassen und mich wieder auf mein Motorrad zu schwingen. Knapp drei Monate war es her, dass ich Jule das letzte Mal gesehen hatte. Ich hatte genug Geld zusammen um mein Motorrad in einer Werkstatt durchchecken zulassen und Hinterreifen, sowie den Kettenkit erneuern zu lassen. Eigentlich wollte ich den berühmten „Birdsville Track“ Richtung Norden nehmen um dann Richtung Osten zurück nach Brisbane und zu Jule zu fahren. Doch noch immer regnete es in der australischen Wüste und viele Streckenabschnitte waren unbefahrbar. So beschloss ich, zusammen mit den vier anderen Deutschen nach Alice Springs zu fahren, um von dort aus alleine die Rückreise nach Brisbane anzutreten.

Kühlwasserwechsel bei "Hannes"

Kühlwasserwechsel bei "Hannes"

Afterwork Party in "RockfordCity"

Afterwork Party in "RockfordCity"

Rockfords Erntehelfer 2011

Rockfords Erntehelfer 2011

4 Responses to “Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen”

  1. Maxim sagt:

    Hey David,

    coole Berichte und angenehmer Schreibstil. So konnte ich nen bissl Aussiefeeling auch hier geniessen. THX und weiterhin viel Spaß und Abenteur!

    Mäxim

  2. Maxim sagt:

    Abenteuer!

  3. Ice sagt:

    Wonderful exotlnaaipn of facts available here.

  4. Nilce sagt:

    All too common in Home Health…worse cases leap to mind~~~lol with socynpe on Lasix and furosemide; gentleman with bulging eyes and SVT on Synthroid and levothyroxine. Sometimes patients doctor shop, and sometimes doctors don’t pay attention to med lists!Pattie, RN

Leave a Reply