Ab durch die Mitte Australiens

Dirtroad - Flinders Ranges Nationalpark

Dirtroad - Flinders Ranges Nationalpark

Eingepackt in meiner Fleecejacke stand ich mit einer heißen Tasse Kaffee auf der Veranda. Es war der 24. April – Ostersonntag. Ich schaute Sandras Kindern beim Ostereier suchen zu und fuhr in meinem Kopf die geplante Tour ab. Ich hatte mein Zelt auf dem Campingplatz im Barossa Valley bereits vor einigen Tagen abgebaut und bereitete mich nun bei Sandra und ihrer Familie in Gawler auf meine Rückreise nach Brisbane über Alice Springs vor. Ich hatte genug Geld bei der Weinlese verdient um meinem Motorrad eine große Durchsicht in einer Werkstatt zu gönnen. Außerdem ließ ich die Antriebskette und Kettenblätter wechseln und einen neuen Hinterreifen aufziehen.

Bereit für die Reise wartete ich zusammen mit Anne und Dani auf das „Go“ von Sandro und Nora. Das deutsche Pärchen wollte in der Gegend ihr Auto verkaufen und zusammen mit den Mädels in deren Auto zu viert weiter reisen. Aber der Verkauf verzögerte sich Tag für Tag, und so langsam lief mir die Zeit davon. Ich hatte mich mit den zwei Backpackern Julz und Fabian in Brisbane am 7. Mai, in zwei Wochen, verabredet. Den beiden, die ich ebenfalls bei der Weinernte kennengelernt habe, bot ich an in unserer Wohnung in Brisbane zu übernachten. Dieses Angebot nahmen sie dankend an, da ihr Flug zurück nach Deutschland von Brisbane aus starten sollte. Gute sieben Tage würden wir bis nach Alice benötigen um ein paar kleine Wanderungen im Flinders Range National Park zu unternehmen und einen Tag um in der Minenstadt Coober Pedy auf Opalsuche zu gehen. In Alice Spring wollte ich mich dann von meinen vier Mitreisenden verabschieden um mich alleine auf den 3000 km langen Weg nach Brisbane zu begeben. Hierfür hätte ich dann 6 Tage Zeit. Jeden Tag, den ich in Gawler wartete, ging mir für die gesamte Fahrt verloren.

Mein Motorrad war gewaschen und poliert, aus Langeweile reinigte ich gerade die Blinkergläser von innen, als mein Handy piepte: Sandro und Nora hatten einen Käufer gefunden. Sie wollten das Auto am nächsten Morgen verkaufen und sich mit Anne, Dani und mir in Gawler treffen.

Ich verabschiedete mich bei Sandra und Harry. Immer wieder übernachtete ich in den vergangenen 3 Monaten bei Ihnen und sie waren mir vor allem während einer Magen-Darm Erkrankung mit Ihrer Gastfreundschaft eine große Unterstützung gewesen.

Anne, Dani, Nora, Sandro

Anne, Dani, Nora, Sandro

Meine vier Reisegefährten für die nächsten sieben Tage traf ich bei McDonalds in Gawler. Während wir uns alle stärkten, erzählten uns Nora und Sandro vom Drama ihres Autoverkaufs. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile war es früher Nachmittag. Unser Etappenziel war der ungefähr 300 km entfernte südliche Eingang des Flinders Range National Park. Ihn würden wir heute nicht mehr bei Tageslicht erreichen und so beschlossen wir so viele Kilometer zu fahren wie es die Sonne zulassen würde. Ich ließ die vier in ihrem weißen Ford Falcon vorfahren.

Nach fünf Wochen war ich endlich wieder auf meinem Motorrad. Umringt von Gepäckstücken musste ich mich erst wieder an die Enge eines voll beladenen Motorrades gewöhnen. „Hannes“, wie der Ford von Dani und Anne getauft wurde, hatte ebenfalls schwer zu schleppen. Das Gepäck der vier Backpacker und die vier Insassen ließen schon bei kleinen Bodenwellen den Federweg der Hinterräder sehr kein werden. Etwas besorgt sah ich von hinten zu, wie Dani vor Kurven, kleinen Senken und Hügeln das Auto abbremste um nicht bei voller Fahrt mit dem Heck aufzusetzen.

Mit der Dämmerung kam allmählich die Kälte und ich überlegte ob ich nicht eine Windjacke anziehen sollte. Die Entscheidung dauerte gute 100 Kilometer an. Sie wurde mir abgenommen, als wir in einem kleinen Ort, dessen Namen mir entfallen ist, einen Campingplatz ausfindig machten. Jeder bereite nun sein Nachtlager vor: Nora und Sandro fanden Ihren Schlaf in einem geräumigen Drei-Personen Zelt und Anne und Dani schliefen, wie auch während der Weinlese, in Ihrem Auto auf einer Matratze. Ich verbrachte die Nacht in meinem kleinen Kuppelzelt.

Am nächsten Tag erreichten wir gegen die Mittagszeit das Informationszentrum des Flinders Ranges National Park. Nach einer kleinen Brotzeit unternahmen wir eine dreistündige Wanderung, die uns auf einen, für dieses Gebiet typischen, schroffen Bergkämme führte. Hier leben neben Kängurus, Vögeln und verschiedenen Echsen, mittlerweile auch europäische Säugetiere. Sehr erstaunt schauten wir schon nach einigen hundert Meter in das Gesicht einer Ziege. Wie überall in Australien gelten diese als Nutztiere eingeführten Tiere in Zwischen als Schädlinge und Ihre Populationen werden aus Schutz der ursprünglichen Flora und Faune regelmäßig durch Abschüsse dezimiert.

Eine Informationstafel erzählte die Geschichte einer Familie die hier lebten und versuchten in dieser Landschaft Viehzucht zu betreiben. Nach einigen Jahren mussten die Pioniere sich der Natur aber geschlagen geben und verließen letztendlich die Gegend. Die unregelmäßigen Regenfälle machten eine dauerhafte Viehhaltung unmöglich. Ein verlassenes Haus und einige Gerätschaften hinterließen einen Eindruck vom Leben dieser Siedler.

Der nächste Tag wurde vor allem durch den Geburtstag von Anne bestimmt. Nach der Geschenkübergabe schien es, als ob auch die Tierwelt gratulieren möchte und so begrüßten wir einige Kängurus und einen Emu auf unserem Campingplatz. Wir packten unsere Sachen und fuhren zu einigen Aussichtspunkten. Die Blicke, die wir auf die vor uns liegende Berglandschaft werfen konnten, waren umwerfend und immer wieder wurde mir bewusst wie einzigartig dieses Land ist. Wir nahmen zwei weitere Routen, die uns zu einigen Felszeichnungen der Aboriginies führten. Mit diesen zum Teil sehr farbenprächtigen Bilder wurden bis in das 20. Jahrhundert Wissen und Erzählungen festgehalten und weitergegeben. Außerdem dienen sie teilweise noch immer der Ausübung ihrer als ‚Traumzeit’ bezeichneten Religion. Viele dieser Sehenswürdigkeiten lagen am Ende von Geröll- und Sandstraßen und wir fuhren teilweise 20 Kilometer zu einem Punkt wanderten einige Hundertmeter und fuhren den gleichen Weg wieder zurück. Nicht ganz überraschend fühlte sich mein Motorrad in diesem Terrain sehr wohl. Und so fuhr ich meistens auf den Fußrasten stehend, mit schnellem Tempo vorneweg, um ein paar Kilometer weiter vorne wieder auf den weißen Ford zu warten.

Es wurde Nachmittag und Zeit, unser Tagesziel, die Stadt Port Augusta, anzufahren. Nachdem wir alles für ein festliches BBQ gekauft hatten, schlugen wir unser Nachtlager am Rande der Stadt auf einem Campingplatz auf. Noch einmal stießen wir auf den Geburtstag von Anne an, um dann gut gesättigt in die Schlafsäcke zu kriechen.

Anne genießt ihr Geburtstagsgeschenk

Anne genießt ihr Geburtstagsgeschenk

Wanderung durch die Flinders Ranges

Wanderung durch die Flinders Ranges

Vor der Flinders Range

Vor der Flinders Range

 

Felsmalerei - Flinders Ranges Nationalpark

Felsmalerei - Flinders Ranges Nationalpark

12 Stunden später verließen wir Port Augusta und für meine vier Reisegefährten erfüllte sich ein herbeigesehnter Traum – das australische Outback. Auch für mich war dies etwas Besonderes. Ich fuhr diese Strecke im Jahre 2004 bereits schon einmal mit einem Auto. Damals überholten wir ein Motorrad und in mir wuchs der Wunsch diese Straße ebenfalls mit zwei Rädern zu befahren. Und wie sieben Jahre zuvor hatte auch diesmal ungewöhnlich viel Regen dafür gesorgt, dass sich das Outback in einem eher seltenen Zustand zeigte. Auch die anderen vier waren ein wenig enttäuscht, dass hier alles so grün und nass war. Die eigentlich ausgetrockneten Salzseen führten nun Wasser und Steppengräser überzogen das weite Land. Zwar konnte man deutlich die typisch rote Erde erkennen, aber das Gefühl in einer lebensfeindlichen Welt zu sein wollte bei diesem Pflanzenreichtum nicht aufkommen. Im Gegensatz zu meiner ersten Reise nach Alice Spring spürte ich diesmal einen sehr starken Westwind. Dieser blies so kräftig, dass ich unter meinem Helm noch nicht mal die Musik in meinen Kopfhörern hören konnte, was auf dem scheinbar endlosen Stuart Highway für mich eine kleine Katastrophe darstellte. Um geradeaus zu fahren musste ich das Motorrad in die linke Schräglage drücken. Mein Reaktionsvermögen wurde dabei immer wieder auf die Probe gestellt. Immer wieder ließ der Wind schlagartig nach und ich musste das Motorrad schnell aufrichten. Zum Glück begleitete uns dieses Wetter nicht den ganzen Weg bis nach Coober Pedy, der Opalmetropole, in der wir am späten Nachmittag nach einigen Pausen ankamen

Mit Wasser gefüllte Salzseen im Outback

Mit Wasser gefüllte Salzseen im Outback

In Coober Pedy leben ungefähr 2.000 Menschen. Weltweit wird hier der größte Anteil weißer Opale abgetragen. Diese als Schmuckstück verwendeten Mineralsteine sind hier in Südaustralien vor allem aus Dinosaurierfossilien entstanden.  Am nächsten Tag besuchten wir eine ehemalige Opalmine. Wir fanden sie direkt am Stuart Highway auf der linken Seite Richtung Alice Springs. Der Eingang führte uns in eine Art unterirdische Lobby. Hinter dem Tresen begrüßte uns ein kleiner älterer Mann mit faltigem, weißem Gesicht. Er machte nicht mehr den Eindruck, dass er selbst noch nach Opalen suchen würde. Aber sein Unternehmen wäre wohl in der Gegend noch aktiv. Seine zwei Partner seien derzeit in einer Mine etwas außerhalb des Ortes. Er selber führt in dieser stillgelegten Mine Führungen durch. Und so begann unsere Führung mit einem Film, der ein paar wissenschaftliche Grundlagen über die Entstehung von Opalen verriet.

Nach 15 Minuten folgten wir dem Mann in einen Gang, der uns tiefer unter die Erde führte. Wir gingen alle Schlüsselpositionen des Opalbergbaus ab und erhielten dabei ausreichend Informationen, um uns ein Bild über den Arbeitsablauf in einer Mine zu machen. Etwas verstört war ich, als unser schottischer Führer erklärte, wie man die Ebene findet in der Opale liegen. Aus einem kleinen Plastikohr im Sandstein holte er zwei Stäbe raus. Beide hatten eine Art „L“-Form. Er nahm jeweils das kurze Ende eines Stabes in eine Hand, winkelte die Arme an seinem Körper und ging den Gang entlang. Für einen kurzen Moment hielt ich das Prozedere für einen Scherz, der Blick des zum Scherzen aufgelegten Mannes wurde jedoch ernst und er wirkte konzentriert. Und tatsächlich wollte er uns weiß machen, dass er mit so genannten Winkelruten bestimmte Stellen findet, die ein Anzeichen für Opale sein können. Genauer gesagt fände er damit vertikale Risse in der Erde, die durch Erdbeben hervorgerufen werden. Die Risse sahen wir in der Wand. Und jeder von uns durfte es selber ausprobieren. Und bei jedem schien es zu funktionieren. Am ersten Riss gingen die Stäbe auseinander und beim zweiten kreuzten Sie sich. Drehte die Person sich um und ging den Weg zurück, dann drehten sich die Stäbe erneut auseinander und beim zweiten Riss zusammen. Bei einem schneller, beim anderen langsamer. Ich konnte nicht glauben was ich sah. Mir persönlich fällt es sehr schwer an solche verborgenen Kräfte zu glauben, aber ich hatte mittlerweile genug Vertrauen zu meinen vier Begleitern aufgebaut und so glaubte ich ihnen als sie nacheinander behaupteten, dass sie die Stäbe nicht bewegt hätten, sondern dass sie sich wie von selbst in der Hand drehten. Ich habe mich mit dieser Thematik nie richtig beschäftigt, aber irgendwas passierte hier. Ich fragte den Schotten wie es seiner Meinung nach funktioniert. Er meinte er glaube, dass es bestimmte Energiekräfte im Menschen gibt, die auf die Stäbe wirken. Diese Energie wird von den Spalten in der Erde freigesetzt. Ich wollte es auch probieren, hatte mir aber eine eigene Theorie zurechtgelegt. Dass im Menschen Energieströme verlaufen konnte ich wohl glauben. Diese Energie erzeugt vielleicht Wärme oder sogar magnetische Kräfte. Aber warum sollten die Stäbe wissen, wann ich bei einem ersten Riss bin und wann bei einem zweiten? Ich kam von der Idee nicht los, dass dies vielleicht etwas mit eigenem Glauben zu tun hatte. Und so probierte auch ich es. Ich nahm die Stäbe in meine Hände. Ich um schloss sie mit festen Fäusten und legte die Finger so um die Stäbe, dass ich nichts damit in Bewegung setzen konnte. Nun ging ich auf den Weg entlang auf die Stelle zu, an der jener erste Riss sichtbar in der Wand zu sehen war. Nun sollten sich die Stäbe eigentlich in meiner Hand drehen und auseinander bewegen. Zum erstaunen Aller kreuzten sich aber meine Stäbe und gingen nicht auseinander, wie bei den anderen. Ich fühlte mich in meiner bisher unausgesprochenen Theorie bestätigt. Ich glaubte die ganze Zeit ganz stark daran, dass die Stäbe sich in meiner Hand kreuzen würden. Allerdings machte mir dieser Versuch für einen kurzen Moment mehr Angst als ich vorher hatte, denn nun sah ich selber, dass hier irgendwelche, für mich unerklärlichen Kräfte wirkten. Aber ich war mir sicher, dass es eine normale Erklärung für so etwas gibt. Auf eine Diskussion wollte ich mich aber in diesem Moment nicht einlassen, denn schließlich wollte ich aus dieser Mine heil wieder rauskommen. Später erfuhr ich dann, dass die derzeitige Wissenschaft davon ausgeht, dass durch die mentale Anstrengung Muskeln in der Hand angesprochen werden, welche die Stäbe in Bewegung setzen. Man muss also zumindest an die Bewegung denken bzw. sie sich vorstellen.

Auf ins Outback

Auf ins Outback

Eine permanente und nie zu unterschätzende Gefahr

Eine permanente und nie zu unterschätzende Gefahr

Road Trains - Die Könige des Highways

Road Trains - Die Könige des Highways

Vor den Toren Coober Pedys

Vor den Toren Coober Pedys

Noch mehr "down under"

Noch mehr "down under"

Führung durch eine Opalmine

Führung durch eine Opalmine

Minenfahrstuhl

Minenfahrstuhl

"Ich bastel mir eine Bombe"

"Ich bastel mir eine Bombe"

Wir setzten am Nachmittag unsere Reise Richtung Alice Springs fort. Unser Tagesziel war die 230 km entfernte Ortschaft Marla. Hier wollten wir übernachten um dann am folgenden Tag die letzten 450 km bis nach Alice hinter uns zu lassen.

Es hätte ein ruhiger Abend werden können. Aber es kam anders. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte und die Sonne noch nicht ganz verschwunden war, nutzte ich die Zeit um mein Motorrad zu überprüfen. Ich kontrollierte alle Flüssigkeitsstände und den Kettendurchhang und warf ein Blick auf meine Reifen. Der Hinterreifen war in einem sehr guten Zustand. Beim Kauf war ich etwas skeptisch da ich die Herstellermarke nicht kannte und befürchtete einen chinesischen Reifen mit niedriger Laufleistung erwischt zu haben. Aber nach fast 2.000 km und relativ hohen Geschwindigkeiten, hatte sich das Profil kaum abgebaut und ich war zuversichtlich, dass ich mit ihm die nächsten 3.500 km nach Brisbane ohne Probleme fahren könnte. Doch es traf mich wie ein Blitz als ich mir den Vorderreifen anschaute. Den Reifen hatte ich vor meiner Reise zur „Great Ocean Road“ bei einem ‚Wrecker’, einem Schrottplatz, gekauft. Er hatte keine 5.000 Kilometer runter und sollte demnach noch für mindestens die gleiche Distanz genügend Profil aufweisen. Aber mein prüfender Blick belehrte mich eines besseren. An einer Stelle war das Profil komplett abgefahren. Die Fläche war vielleicht 4 * 4 cm groß. Der ganze Reifen wies auch ein sogenanntes Sägezahnprofil auf. Also eine nicht gleichmäßige Abnutzung des Reifens. Genau so etwas brauchte ich hier im Outback nicht. Ich hatte zwar Reifenflickzeug dabei, aber wenn erstmal der Mantel durchgerieben sein würde, dann wird der Schlauch auch nicht lange halten, dachte ich mir, da nutzt das beste Werkzeug nichts.  „Aber vielleicht gibt es ja hier in dem Nest jemanden, der ein paar Motorradreifen auf Lager hat “, munterte ich mich auf, denn bis nach Alice Springs waren es noch 450 Kilometer und bis dahin kam bis auf ein paar Tankstellen keine größere Ortschaft mehr.

„Ja, es gibt einen Mechaniker direkt hinter der Tankstelle“, verriet mir die Dame an der Rezeption des Campingplatzes. Er mache um 8 Uhr auf. „Auch am Sonnabend?“, fragte ich. „Ja, auch morgen am Sonnabend“, antwortete sie. Allerdings konnte mir die Frau nicht sagen, ob dort auch Motorradreifen erhältlich wären. Es war schon später Abend und die Sonne ging bereits unter. Ich konnte diese Frage also erst am nächsten Tag klären.

Ich legte mir also folgenden Plan zurecht: Ich würde morgen früh aufstehen und mein Motorrad fertig packen. Um 8 Uhr wollte ich gleich beim Mechaniker sein. Sollte er keinen Reifen haben, müsste ich bis nach Alice Springs fahren und hoffen, dass ich dort vor 16 Uhr ankommen würde, um bei einem Motorradhändler einen neuen Reifen zu bekommen. In der Regel schließen dann die Läden und ich müsste bis Montag warten, hätte dann aber immer noch gute fünf Tage für den Weg nach Brisbane. Gesagt getan. Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich frühstückte schnell und packte meine Sachen und um acht Uhr stand ich vor der Werkstatt. Sie war verschlossen! Ich wartete einige Minuten – es passierte nichts. Der Hof war betretbar und so fuhr ich bis zum Bürogebäude vor. Aber es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Vielleicht war das hier gar nicht die Werkstatt? Ich blickte mich um. Hunderte von verrotteten Autowracks standen hier rum. „Vielleicht ist das hier nur ein Autofriedhof?“, fragte ich mich. Ich fuhr zur Campingplatzrezeption um nochmals nach der Werkstatt zu fragen. Dort bestätigte man mir, dass ich zwar richtig war, allerdings zu früh sei. „Heute am Samstag,“, so eine andere Dame als die vom Vorabend, „macht die Werkstatt erst gegen halb 10 auf.“

Na klasse! Um halb 10. Vielleicht auch erst um 10 Uhr oder um halb 11? Wenn ich dann keinen Reifen bekommen könnte, hätte ich viel Zeit verloren um in Alice Springs noch mein Glück zu versuchen. Bis dahin waren es von Marla gute 450 Kilometer. Schneller als 80 km/h konnte ich dem Reifen nicht zumuten und ich bräuchte daher mindestens sechs Stunden, mit einem Tankstopp wahrscheinlich eher sechseinhalb. Mittlerweile war es halb neun und ich musste mich entscheiden. Ich sah in der Werkstatt nirgends Motorräder oder Reifen und entschloss mich ohne einen Reifenwechsel weiter zu fahren. Zurück auf dem Campingplatz teilte ich den anderen meine Entscheidung mit. Sie waren ebenfalls bereit zur Abfahrt und wollten nur noch kurz tanken. Um keine Zeit zu verlieren fuhr ich schon mal vor.

Natürlich hatte ich schon im Verlauf meiner vielen Motorradfahrten einige Male ein Motorrad gefahren bei dem ich wusste, dass etwas defekt war oder zumindest nicht stimmte. Sei es Ölverlust, ein fast leerer Benzintank oder stark abgenutzte Bremsbelege. Aber mit einem abgefahrenen Vorderreifen 450 Kilometer in Angriff zu nehmen ohne zu wissen wann er Luft verlieren würde war ein verdammt ungutes Gefühl. Ich malte mir aus was passieren könnte und der Gedanke, dass mir bei 80 km/h der Vorderreifen in Sekunden platt gehen würde, der Mantel und der Schlauch sich wahrscheinlich in den Speichern oder den Gabelrohren verklemmen würden brachte mich jedes Mal zum schwitzen. Aber an was sollte man hier im Outback in diesem Moment denn sonst denken? Es ging nur geradeaus und mir kam nichts anders in den Sinn. Nach einer Stunde hielt ich an und schaute mir den Vorderreifen an. Mit dem bloßen Auge war an der kritischen Stelle kein Verschleiß zu erkennen. 80 km/h waren wohl eine gute Geschwindigkeit, um den Abrieb des Gummis auf ein Minimum zu reduzieren. Schneller wollte ich nicht fahren, denn der Asphalt im Outback ist bekannt für seine Schleifpapier ähnliche Wirkung auf Reifen. Mittlerweile hatten Dani, Anne, Nora und Sandro mit ihrem Ford auf mich aufgeschlossen und fuhren nun direkt hinter mir.

Wir machten einen kleinen Stopp an der Grenze zum Northern Territory. Ich trank etwas Wasser und machte mich gleich wieder auf den Weg, ohne auf die anderen zu warten. Irgendwann sah ich sie wieder in meinem Rückspiegel. Gegen Mittag hielten wir bei Kulgera an einer Tankstelle an. Der Platz kam mir gleich bekannt vor, denn 2004 hatte ich hier, zusammen mit Jule und ihren Eltern, eine Nacht verbracht. Diesmal sollte der Stopp aber lediglich zum Betanken genutzt werden. Ich steckte die Zapfpistole in den Benzintank, zog den Hebel und – es passierte nichts. Dafür hörte ich eine weibliche Stimme über den Lautsprecher etwas sagen. Ich schaute mich um, aber niemand schien zu reagieren. Erst jetzt nahm ich ein Plakat an der Zapfsäule war auf dem stand, dass man seinen Ausweis oder Führerschein an der Kasse hinterlegen muss um tanken zu können. Wahrscheinlich wurde mir das wenige Sekunden vorher durch die Lautsprecher akustisch zugetragen. Ich gab meinen Führerschein an der Kasse ab und betanke mein Motorrad. Während unserer nachfolgenden und ausgiebigen Pause hörten wir Fünf noch einige Male die Stimme aus dem Lautsprecher. Nach dem wir gestärkt und etwas erholter waren sollte es weiter gehen. Ich stieg auf mein Motorrad, steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren, setzte den Helm auf und zog meine Handschuhe an. Wir lagen gut in der Zeit und ich war mir sicher noch gegen 15 Uhr Alice Springs zu erreichen. Voller Zuversicht und guter Laune zog ich den Kupplungshebel, nachdem ich den Motor gestartet hatte um den ersten Gang einzulegen. Mein Fuß tippte auf den Schalthebel. Das Motorrad machte einen kleinen Satz nach vorne und ging aus. Mit einem spannungslosen Kupplungshebel in der Hand wusste ich sofort was passiert war. Das Kupplungsseil war gerissen. Ein Blick zur Kupplung auf der rechten Seite des Motorrades bestätigte meine Vermutung. Der Bowdenzug war gerissen. Ich atmete einmal tief durch, schrie laut: „Fuuuuck“, in meinen Helm und stieg vom Motorrad ab. Ich nahm den Helm von meinem Kopf und schaute zu den anderen. Sie saßen alle vier in ihrem Auto direkt neben mir, hatten aber nicht mitbekommen was passiert war. Erst als ich gegen eine Fensterscheibe klopfte und Dani sagte, dass ich nicht weiterfahren könne, hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.

Ich weiß nicht warum, aber aus Deutschland nahm ich kein Werkzeug oder Ersatzteil für Motorräder mit, bis auf einen Reparatursatz für Bowdenzüge. Und diesen hatte ich glücklicherweise auch jetzt dabei. Er bestand aus zwei Drahtseilzügen und verschiedenen Endstücken. Die Aufgabe bestand nun darin, den alten Seilzug aus der Umhüllung zu ziehen. Dann musste der neue Draht eingeführt und zwei passende Endstücke an beiden Enden angeschraubt werden, um diese dann in den Kupplungshebel am Lenker und am Kupplungsausgang einzuhaken.  Der alte Draht war in wenigen Sekunden aus der Kunststoffhülle gezogen, aber den neuen bekam ich erst nach einer Stunde rein. Es dauerte eine Weile bis ich zusammen mit Dani herausgefunden hatte, an welcher Stelle wir den Draht so biegen mussten, um ihn durch die Krümmungen der Ummantelung zu bekommen. Auch das Anschrauben der passenden Endstücke gestallte sich für uns als eine kleine Herausforderung, wurde aber auch gemeistert. Ich war mir nicht sicher, ob diese Schraubverbindungen den Belastungen des Kupplungsziehens wirklich Stand hielten. Im Original sind die Endstücke nämlich verschweißt oder verlötet. Aber ich hatte keine andere Wahl und musste der Reparatur vertrauen. Ich setzte mich auf das Motorrad, zog den Kupplungshebel und nichts passierte – das Seil hielt. Ich startete den Motor, legte den ersten Gang ein und fuhr ein paar Meter. Alles funktionierte. Nachdem ich mein Werkzeug wieder zusammengeräumt und in meinem Gepäck verstaute hatte, konnte die Fahrt weitergehen. Diese Unterbrechung hatte uns insgesamt 90 Minuten gekostet und mein Plan noch heute einen Motorradhändler anzusteuern verschwamm langsam vor meinem geistigen Auge.

Das Gute im Outback ist, dass man eigentlich kaum schaltet. Hat man den höchsten Gang erreicht würde man ihn für ein paar Stunden nicht mehr verlassen. Und so schaltete ich tatsächlich erst wieder als wir die Stadt Alice Spring erreichten. Ich gab den anderen vier im Auto zu verstehen, dass ich direkt zu einer Motorradwerkstatt fahren würde, die ich in meinem Navigationsgerät gefunden hatte. Es war bereits nach 16 Uhr aber ich wollte nichts unversucht lassen. Dort angekommen kam mir ein Mann mit ölverschmierten Händen entgegen. Ich fragte ihn, ob das hier eine Motorradwerkstatt sei? „No!“ schalte es mir entgegen. In den Gemäuern des Innenhofes sagte der Mann mir nicht nur, dass die Werkstatt nicht mehr existiere, sondern dass alle anderen bereits geschlossen hätten. Hier in Alice arbeitet keiner mehr nach 14 Uhr an einem Samstag. Ich müsste wohl bis Dienstag warten. Dienstag??? Warum denn bis Dienstag? Na am Montag sei Feiertag. Tatsächlich war am Sonntag Feiertag, aber in Australien werden Feiertage, die auf einen Sonntag fallen oder auf eine anderen Feiertag liegen, nachgeholt. Vielleicht hätte ich doch in Marler auf einen Mechaniker warten sollen? Aber was konnte ich jetzt tun? Gar nichts. Ich gab mich dem Schicksal geschlagen und verbrachte die nächsten vier Tage zusammen mit Anne, Dani, Nora und Sandro in Alice Springs. „Die werden doch hoffentlich einen passenden Reifen für mein Motorrad auf Lager haben oder?“, fragte ich am Abend Sandro.

Sonnenaufgang in Marla

Sonnenaufgang in Marla

Kurze Pause auf dem Weg nach Alice Springs

Kurze Pause auf dem Weg nach Alice Springs

Kupplungsbowdenzug wechseln

Wenn die einen den Kupplungsbowdenzug wechseln...

Nora und Sandro

...müssen sich die anderen ja irgendwie beschäftigen

 

Die Strecke:

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3 Responses to “Ab durch die Mitte Australiens”

  1. Robert Goeke sagt:

    Hallo David, habe mit Interesse deinen Bericht vom Nationalpark im Outback gelesen. Ich müsste bei einem Australienaufenthalt aber erst einaml die finanziellen Voraussetzungen schaffen, um mir das erlauben zu können. Welche Möglichkeiten gibt es in Gawler bei Winzerbetrieben seine Arbeitskraft anzubieten? Wie geht das mit einer Versicherung? Gibt es bei den Winzern auch schon im November/Dezember Beschäftigungsmöglichkeiten (Rebenschnitt, Jäten in den Weinbergen,Traktorarbeieten)?
    Robert

    • David sagt:

      Hallo Robert,

      freut mich dass dir der Artikel gefallen hat. Du hast recht, die finanziellen Bedingungen müssen stimmen. Aber man braucht gar nicht sooviel Geld um solche Reisen zu unternehmen.

      Zu deinen Fragen:
      Grundsätzlich suchen die Winzerbetriebe Arbeiter für die Weinlese. Die Saison beginnt zwischen Ende Februar und Mitte März,je nachdem wie der Sommer war. Der Rebenschnitt “pruning” wird nach der Weinlese im Herbst/ Winter gemacht. Gejätet wird so gut wie garnicht, da nach dem heißen Sommer so gut wie kein Gras mehr wächst (alles braun und verbrannt). Wenn du Erfahrungen im Weinbetrieb hast kannst du dich andere Positionen bewerben. Ich habe Franzosen kennen gelernt die auf Grund ihrer Erfahrungen bei der Weinherstellung/ -verarbeitung gearbeitet hatten. Das Weingebiet Barossa Valley bietet aber auch andere Aushilfsarbeiten über das ganze Jahr an. Das gilt übrigens für ganz Australien.

      Grüße,
      David

  2. Savion sagt:

    Awesome you should think of soienhmtg like that

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