Wieder allein

Die Dunkelheit brach ein. Ich saß im Campingstuhl vor meinem Zelt und beobachtete den Sonnenuntergang. Dank der vielen Wolken, wieder einmal ein feuerrotes Vergnügen. Vor wenigen Minuten verabschiedete ich mich bei Dani, die mich am Campingplatz abgesetzt hatte. Zusammen mit Anne, Nora und Sandra würden sie am nächsten Tag eine kleine geführte Rundreise zum Ayers Rock machen und hatten sich dafür in ein Hostel einquartiert. Andere Backpacker hatten uns von dieser Tour berichtet und sie versprach viel Spaß. Ich aber hatte andere Pläne, denn schließlich musste ich in einigen Tagen zurück im 3.000 Kilometer entfernten Brisbane sein. Diese Reise wollte ich am nächsten Tag antreten, nachdem ich mir bei einem Motorradhändler einen neuen Vorderreifen besorgen würde. Ich würde die nächsten Tage wieder allein unterwegs sein. Während der Weinernte im Barossa Valley und der Fahrt hierher nach Alice Springs genoss ich mehr als sechs Wochen die Gesellschaft mit anderen Reisenden. Natürlich freute ich mich auf Jule, aber es kam auch ein wenig Wehmut auf, da ich nun realisierte, dass ich die meisten von ihnen so schnell nicht wieder sehen würde.

Am nächsten Morgen ging es mit voll bepacktem Motorrad zum nächstgelegenen Motorradhändler. Seit nun über 500 Kilometern fuhr ich mit einem abgefahrenen Vorderreifen. Ich betrat das Geschäft. Es wirkte noch ein bisschen verschlafen. Ein Mitarbeiter schob ein paar Motorräder aus dem Laden nach draußen auf den Gehweg. Ein Mann in schwarzer Anzugshose und am Kragen aufgeknüpftem weißem Hemd kam aus einem kleinen Büro raus und sprach mich an. Ich fragte ihn, ob er für mein Motorrad einen Vorderreifen habe. Er nickte und ging zu einem Regal, das voll mit Reifen war. Er fragte mich, was für einen Reifen ich haben möchte. Ich fragte nach einem Allrounder für die Straße, aber auch für Geländewege. Er nickte erneut und legte seine Hand auf einen der Reifen. 145 australische Dollar standen auf dem Preisschild geschrieben. Wow – das war mal eine Ansage. Aber es war der falsche Zeitpunkt um Geld zu sparen, denn ich hatte keine andere Wahl. Die nächste größere Ortschaft würde erst in weiteren 500 km kommen, die nächste Stadt erst in über 1.000 km. Das Risiko einer Weiterfahrt war einfach zu groß. Weitere 20 Dollar würde das Wechseln des Reifen kosten. Der Mann führte mich in die hinter dem Ausstellungsbereich liegende Werkstatt. Ich solle bitte mein Motorrad hierher bringen. Ich ging zurück zu meinem Motorrad und schob es in die Werkstatt. Dort wartete schon ein Mechaniker auf mich. Er nahm das voll bepackte Motorrad und wollte es auf eine Hebebühne schieben. Aber kaum hatte ich losgelassen, wackelte es und begann zu kippen. Schnell griff ich mit beiden Händen nach dem Motorrad und konnte ein Umfallen verhindern. Meiner Idee, das gesamte Gepäck abzunehmen, wurde sofort zugestimmt.

Ich zeigte dem Mechaniker die Stelle, an welcher der alte Reifen extrem abgebaut hatte. Vielleicht stimmte ja etwas mit dem Motorrad nicht. Ich fragte mich schon die ganze Zeit, ob es einfach nur eine Unwucht im Vorderrad war oder ob die Felge auf den Schotterpisten im Barossa Valley einen Schlag abbekommen hatte. Vielleicht waren aber auch die Radlager verschlissen? Ich hoffte, dass ich keine größere Reparatur brauchte, denn dass würde hier, wie vieles in Alice Springs, sehr teuer werden. Der Mechaniker schaute sich die Felge an. Er brubbelte etwas in seinen grauen Vollbart und runzelte etwas mit der Stirn, machte dann aber ein beruhigendes Gesicht. „It looks good, hey.“ fragte ich. Der Mann bejahte. Er tippe ebenfalls auf eine Unwucht, da kein Reifengewicht befestigt war. Aber das würden wir bald genauer wissen. Er zog den neuen Reifen auf die Felge und schob das Rad auf eine Achse. Mit ihr maß er die Unwucht. Als er ein kleines eiförmiges Stück Metal an einer Speiche befestigte war ich mir nun sicher, dass das Problem gefunden war und der Reifen diesmal länger halten würde. Ich bezahlte die Rechnung, schob mein Motorrad auf die Straße und verzurrte mein Gepäck.

 

Devil Marbles

Devil Marbles

Einige Minuten später verließ ich gegen 10 Uhr Alice Springs in Richtung Norden auf dem Stuart Highway. Gute sechs Stunden später erreichte ich kurz vor Tennant Creek die Devil Marbles. Eine aus kugelförmigen Granitfelsen bestehende Steinsformation. In Tennant Creek schlug ich mein Zelt auf einem Campingplatz auf und verspeiste eine Packung Fertignudeln und ein Brötchen. Die letzte Nudel baumelte noch an meiner Gabel, als ein kräftig gebauter Mann in die Küche kam und sich ebenfalls etwas zu Essen zubereitete. Ich schätze Pete auf Mitte 30. Ich beachtete ihn nicht weiter, aber er suchte das Gespräch. Er fragte mich woher ich kam und wohin ich wolle und ob ich länger in Tennant Creek bleiben würde. Wir unterhielten uns noch eine Weile bevor ich von ihm zum Abendbrot eingeladen wurde. Er machte sich gerade 10 Rinderwürste in der Pfanne warm. Da ich schon gegessen hatte, lehnte ich dankend ab. Zugegeben, die Nudeln und das Brötchen hatten meinen Magen noch nicht ganz gefüllt. Als er mir sagte, dass er vielleicht sechs davon essen und den Rest sowieso wegschmeißen würde, nahm ich sein Angebot schließlich doch an.

Pete war, wie ich, allein Unterwegs und arbeite mal hier mal dort. In den letzten Monaten hatte er in einem Zentrum für Aborigines gearbeitet. Seit dem ich den Ort Coober Pedy ein paar Tage zuvor erreicht hatte, sah ich die australischen Erstbesiedler meist vor Tankstellen und Supermärkten stehen. Je tiefer ich in das Outback kam, desto häufiger traf ich Aborigines an. Bei den ersten Begegnungen dachte ich erst, sie würden betteln. Ich wurde aber nie angesprochen und so fragte ich mich, warum teilweise komplette Familien einfach so rum standen und absolut nichts zu machen schienen. Ich fragte Pete, was es damit auf sich hat. Seine Sicht der Dinge beschäftigte mich nicht nur die nächsten Tage und ich hatte das Gefühl, dass ich bisher einen großen Teil der Australischen Geschichte auf meiner Reise ausgelassen hatte.

An den kommen zwei Tagen fuhr ich 1.400 Kilometer über Mount Isa nach Barcaldine. Abseits jeder Touristen Route, bestimmten vor allem Roadtrains und Arbeiterfahrzeuge das Straßengeschehen. 1.100 Kilometer fehlten mir noch bis Brisbane. In Barcaldine angekommen, spielte ich mit dem Gedanken die letzten Kilometer an einem Tag anstatt in zwei Tagen zu nehmen. Körperlich waren die Etappen zwar anstrengend, gestoppt wurde ich aber bisher nur von der untergehenden Sonne, denn mit der Dunkelheit kommen auch die dämmerungsaktiven Tiere wie Kängurus, Emus und Possums auf die Straßen. Schon einige Male hatte ich sie am Straßenrand gesehen. Dann reckten Emus Ihre Köpfe nach oben und Wallabies sprangen parallel zu mir die Straße entlang. Würde ich aber noch vor der Dämmerung die Küstenstädte erreichen, wäre ich der Unfallgefahr durch Wildwechsel bei weitem nicht so stark ausgesetzt.

Ich rechnete mir noch ein paar mal die Kilometer und die Fahrtzeit aus, die ich benötigen würde, aber im Prinzip stand mein Entschluss fest. Wahrscheinlich hatte ich die Entscheidung schon in dem Moment getroffen, in dem mir der Gedanke kam. Und so stand ich am nächsten morgen um 5 Uhr auf. Es war noch stock finster, aber ich wollte keine Zeit verlieren und mit den ersten Sonnenstrahlen aufbrechen. Da die Sonne in Australien sehr schnell auf- und untergeht, würde ich nicht mehr als 30 Minuten in der für mich gefährlichen Morgendämmerung fahren. Ich fuhr mit 80 km/h deutlich unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h. Die Straße sah aus wie ein Schlachtfeld. Kein Kilometer verging ohne, dass ich einen Tierkadaver sah. Auf einigen saßen Krähen und hackten auf die Körper ein. Wahrscheinlich waren diese Tiere in der vergangen Nacht verendet und gaben den Vögeln frisches Fleisch. Voll konzentriert fuhr ich den Highway entlang, den Blick immer zwischen 11 und 13 Uhr gerichtet, um frühzeitig Tiere am Straßenrand zu erkennen.

 

Nach 200 Kilometern stoppte ich das erste Mal um aufzutanken. Keine 10 Minuten später saß ich wieder auf meinem Motorrad und fuhr Richtung Südosten. Es folgten noch zwei Stopps, keiner länger als 15 Minuten. Die Sonne ging gerade mit einem lilaroten Himmel unter, als ich auf den Motorway M2 Richtung Brisbane einbog. Umringt von Autos und Trucks fühlte ich mich nun sicher und geschützt. Es würde noch eine Stunde dauern bis ich vor meiner Wohnungstür stehen würde. Ich erkannte Straßen und Häuser wieder -  das Ende meiner Reise war nun nah.

Nun doch schon körperlich vom Fahren erschöpft freute ich mich auf eine warme Mahlzeit und einen starken Kaffee. Vielleicht würde ich vorher noch eine warme Dusche nehmen, um am Ende des Tages in mein eigenes Bett fallen zu können. Doch als erstes würde ich Jule in meine Arme nehmen. Über zwei Monate hatte ich sie nicht gesehen. In den letzten Tagen, die ich meist allein verbrachte, verging kaum eine Minute in der ich nicht an sie dachte. Ich hatte Jule nicht erzählt, dass ich bereits einen Tag früher als geplant zurückkommen würde.

Ich bog von der Straße in die Hausauffahrt ein, hielt vor unserer Wohnung an, drehte den Schlüssel im Zündschloss um und schaute auf unsere Wohnung in der Licht brannte – und dann ging auch gleich die Wohnungstür auf.

Karte:

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